The Beatles

Abbey Road

Universal
VÖ: 2019

Zu laut für die Nachbarn

Januar 1969. Mit dem Konzert auf dem Dach des Apple-Gebäudes in London enden die zähen Arbeiten an dem Projekt Get Back/Let It Be, das zunächst unveröffentlicht bleibt. Stattdessen raffen sich die Beatles wenige Wochen später zu einem weiteren Album auf, das zu einem ihrer erfolgreichsten werden soll — und im wohl am meisten kopierten und parodierten LP-Cover der Rockgeschichte steckt: Abbey Road zeigt noch einmal die ganze musikalische Bandbreite und Innovationskraft des Quartetts auf, in dem neben Lennon/McCartney auch George Harrison zum überaus kompetenten Songwriter herangreift ist. Mit ›Here Comes The Sun‹ und ›Something‹ liefert er zwei der stärksten Songs, während Lennon mit hartem Rock wie ›Come Together‹, aber auch sanfteren, klassisch beeinflussten Klängen (›Because‹) Akzente setzt. McCartney frönt seiner Vorliebe für schlagerhafte Novelty-Songs (›Maxwell’s Silver Hammer‹), zeichnet aber auch wesentlich für das Konzept des Medleys auf der zweiten LP-Seite verantwortlich, das in dem packenden Finale ›Golden Slumbers/Carry That Weight/The End‹ gipfelt.

Nun hat sich Giles Martin, Sohn des 2016 verstorbenen Original-Produzenten George Martin, zum 50-jährigen Jubiläum die Acht-Spur-Bänder von Abbey Road noch einmal vorgenommen und einen Remix des ohnehin schon sehr gut klingenden Albums im zeitgemäßen Soundgewand erstellt. Vor allem Bass und Schlagzeug sind nun kräftiger und präsenter, die ausgefeilten Gesangsparts und Sologitarren differenzierter wahrnehmbar, ebenso wie Harrisons damals brandneuer Moog-Synthesizer, den die Fab Four auf mehreren Stücken einsetzen. Das gesamte Stereo-Klangbild ist transparenter und macht schlichtweg großen Spaß, etwa wenn im Solo-Teil von Ringos ›Octopus’s Garden‹ auch die damals mit Wasserglas und Strohhalm erzeugten Soundeffekte voll zum Tragen kommen.

Die Deluxe Edition enthält zudem zwei CDs mit insgesamt 23 Outtakes aus den Aufnahmesessions. Von allen Stücken gibt es hier alternative Versionen, zudem vermitteln zahlreiche Dialogfetzen einen Eindruck von der Entstehung des Albums und dokumentieren die offenbar wieder deutlich entspanntere Atmosphäre zwischen den vier Musikern. Zu hören ist, wie die Beatles über die Beschwerde eines Anwohners wegen der Lautstärke im Studio diskutieren, in dem sie gerade den massiven, vom furiosen Hammondorgel-Spiel Billy Prestons angetriebenen Psychedelic-Rocker ›I Want You (She’s So Heavy)‹ einspielen, oder wie Lennon augenzwinkernd einen Drum-Part für ›Polythene Pam‹ kritisiert: »Hört sich an wie Dave Clark.«

Ein absolutes Highlight stellt der hier veröffentlichte Take zur späteren Non-Album-Single ›The Ballad Of John And Yoko‹ dar, auf der nur Lennon und McCartney zu hören sind. Beide legen an Akustikgitarre und Schlagzeug das Fundament für den Song und witzeln über die Abwesenheit der Bandkollegen, indem sie sich mit „George“ und „Ringo“ ansprechen. Auch das offiziell bislang unveröffentlichte McCartney-Demo ›Goodbye‹ ist enthalten. Zudem gibt es das Medley in einer Testversion zu hören, die vor allem eins zeigt: Es war eine goldrichtige Entscheidung, das nur gut zwanzigsekündige ›Her Majesty‹ nicht mittendrin zu platzieren, sondern als Postskriptum ganz am Ende des Albums.

Zum Deluxe-Boxset gehören auch ein hundertseitiges Buch im LP-Cover-Format sowie eine Blu-ray Audio mit hochaufgelösten Mixen.

(9.5/10)

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