Crowne

Zeitvertreib mit Perspektive

Was tun, wenn die eigene Band auf Eis liegt? Alexander Strandell gründet mit namhaften Kollegen aus Bands wie Europe und H.E.A.T eine neue. In Kings In The North ist Crowne ein vielversprechendes Album der jungen skandinavischen Hardrock-Schule gelungen.

TEXT: MARKUS BARO

Ein frustrierendes Jahr liegt hinter Alexander Strandell. Im Anschluss an die Veröffentlichung ihres dritten Albums Transition stand der Sänger gerade in den Startlöchern zu ihrer ersten großen Tournee mit seiner Stammband Art Nation. Eine Menge Geld wurde investiert, die Vorbereitungen waren abgeschlossen — dann kam Corona und verurteilte zu unbefristetem Hausarrest noch vor der ersten Show. In dieser Situation tritt Strandells Plattenfirma auf den Plan und bietet Strandell die Möglichkeit, ein von H.E.A.T-Keyboarder Jona Tee produziertes Solo-Projekt zu verwirklichen. Doch aus diesem klinkt sich der auf Perfektion bedachte Vokalist in letzter Sekunde wieder aus.

»Das war alles nett gemeint. Aber für mich persönlich fühlte es sich nicht richtig an, bloß Lieder einzusingen, mit denen ich in kreativer Hinsicht gar nichts zu tun hatte. Oder anders gesagt, ich war nicht mit dem Herzen bei der Sache. Allerdings funkten Jona und ich schnell auf einer Wellenlänge und wir hatten das Gefühl, gemeinsam etwas viel Gehaltvolleres auf die Beine stellen zu können. Also habe ich dem Label den Gegenvorschlag unterbreitet, mit Jona eine eigene Band zu gründen und eine Platte ganz nach unseren Vorstellungen einzuspielen. Diese Idee hat ihnen sogar noch besser gefallen.«

Nachdem sie sich geeinigt haben, dass der Tastenmann auch die Gitarren übernehmen wird, rekrutiert Strandell die fehlenden Mitstreiter aus dem erweiterten Freundeskreis. Zu diesem gehört neben John Levén als Bassist von Europe auch Poodles-Trommler Christian Lundqvist, die Crowne komplettieren. Für einige filigrane Gitarrensoli gewinnt der Sänger zudem Love Magnusson von Dynazty. Dass diese Formation ohne Corona kaum realisierbar gewesen wäre, ist unschwer vorstellbar.

»Leider hat die Pandemie vielen Musikern den Boden unter den Füßen weggezogen und jeder ist froh, etwas zu tun zu haben. Trotzdem sehe ich Crowne nicht als Verlegenheitslösung. Die Band mag zwar aus der Not heraus geboren sein, hat sich aber zu einer absolut schlagkräftigen Truppe gemausert. Auf unser Debüt bin ich wirklich stolz.«



Kings In The North fügt sich bruchlos in die Schnittmenge der jungen skandinavischen Melodic-Rock-Garde um die Zugpferde H.E.A.T und Eclipse ein. Lieder wie ›Mad World‹ oder ›One In A Million‹ vereinen sehr gefällig Hardrock und moderne Pop-Elemente und klingen unterm Strich zweifellos nach der Summe ihrer Bauteile, was auch Strandell lachend bestätigt.

»Ich wollte doch, dass meine Jungs sich wohlfühlen, also konnte ich gar nicht anders, als beim Komponieren zunächst an H.E.A.T und Europe zu denken. Generell schwebte mir der Sound der achtziger Jahre kombiniert mit einer modernen Pop-Kante und einer Prise skandinavischen Bombasts vor, denn ich mag James Bay, Ghost oder Ed Sheeran genauso gerne wie Survivor, Toto, Journey oder Pretty Maids.«

Einzig der Titelsong ihres Einstands sei intern nicht ganz unumstritten gewesen, bekennt er freimütig, denn der tönt tatsächlich wie eine weniger martialische Version von Sabaton. »Mir ist klar, dass man diese Art von hymnischem Pomp sehr vorsichtig dosieren muss, sonst kann es leicht lächerlich wirken, aber die anderen haben mir diesen kleinen Ausrutscher durchgehen lassen. Und ich finde, es ist eine tolle Eröffnung für das Album. Insgesamt haben wir aber schon darauf geachtet, dass das epische Element unserer Musik nicht zur Bierzeltbeschallung verkommt. Der Riff steht über allem, aber die kräftigen Keyboard-Sounds auf dem Album sind vom Härtegrad unbedingt mit den Gitarren gleichzusetzen. Jona hat wahnsinnig viel Herzblut in die Sache gesteckt und ist ein wirklich begnadeter Musiker.«

Welche Band in Zukunft für ihn Priorität genießen wird, lässt Strandell vorerst offen. Denn nach den kurz und knackig betitelten Werken Revolution (2015), Liberation (2017) und Transition (2019) scheint der ganz große Schwung bei den 2014 von ihm in Göteborg gegründeten Art Nation vorerst dahin. »Die Pandemie hat uns ziemlich übel erwischt. Für die Produktion von Transition hatten wir einen hohen Aufwand betrieben und als dann die Tour weggebrochen ist, war die Arbeit eines ganzen Jahres zunichte. Wir sind alle Musiker, die es lieben, auf der Bühne zu stehen und ihre Platte live zu präsentieren. Als wir das nicht tun konnten, wirkte das fast, als hätten wir sie gar nicht gemacht. Das dann in einem oder zwei Jahren nachzuholen, wird sich schal anfühlen, fürchte ich.

Und ohne konkreten Plan fehlt es mir an der hundertprozentigen Motivation, das wichtige vierte Album zu etwas Besonderem zu machen. Dass wir die Arbeit vorerst auf Eis gelegt haben, bedeutet keineswegs das Ende von Art Nation, aber ich bin sehr dankbar, mich mit Crowne zumindest im Moment neu orientieren zu können. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.«
Dass sich Crowne, zumindest in der derzeitigen Besetzung, als feste Größe im schwedischen Melodic-Rock-Himmel etablieren könnten, hält aber selbst der überaus zweckoptimistische Sänger für illusorisch.

»Ich weiß, dass vor allem John und Jona darauf brennen, wieder auf die Bühne zurückzukehren, und das werden sie mit ihren Hauptbands Europe und H.E.A.T bald auch tun, da mache ich mir nichts vor. Aber auch ich möchte mit Crowne unbedingt touren und habe für den Fall der Fälle schon einige sehr, sehr gute Musiker in der Hinterhand. Crowne werden ganz sicher kein einmaliges Projekt bleiben, da bin ich sehr zuversichtlich.«


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