Eric Clapton

Give Me Strength: The ’74/’75 Recordings

Polydor
VÖ: 2013

Die vertonte Reise eines Suchenden

Was für ein Karriereweg: Mit seinen Beiträgen zum Beano-Album der Bluesbreakers revolutionierte Eric Clapton in den Sechzigern die E-Gitarre als Lead-Instrument. Mit Cream baute er seinen Status als erster Gitarren-Gott der Geschichte aus — und als Blind Faith aufgrund falscher Erwartungshaltung von Anbetern und Presse 1969 scheitern, rückt Clapton von allem ab, was auch nur entfernt nach Saitenheldentum riecht.

Es folgt eine lange, unruhige Suche nach dem Sinn des Lebens, die ihn bald in eine Solo-Karriere und schließlich in eine schwere Heroinsucht führt. Diese wirft ihn drei Jahre lang völlig aus der Bahn und weicht später einer Alkoholabhängigkeit, die sein Privatleben genauso beeinträchtigt wie seine Kreativität. 1974 taucht Clapton wieder auf: Mit 461 Ocean Boulevard gelingt ihm eine rundum überzeugende und fokussiert klingenden Platte, auf der er die minimalistischen Grooves und das sanfte, zurückgelehnte Understatement seiner neuen Helden J.J. Cale und Bob Marley (›I Shot The Sheriff‹) verinnerlicht hat.

Das 1975 in Jamaica aufgenommene There’s One in Every Crowd gerät erheblich diffuser, zwischen seltsamen Überraschungen wie dem Reggae-Remake des Gospel-Traditionals ›Swing Low, Sweet Chariot‹ blitzt aber auch Claptons Gitarre immer wieder auf — etwa in seiner Interpretation des Elmore-James-Klassikers ›The Sky Is Crying‹. Auf der anschließende Tournee sogar noch viel mehr: der Mitschnitt E.C. Was Here lässt einen auch gut vierzig Jahre nach den Aufnahmen daran teilhaben, wie Clapton berauscht und unter Feuer den Blues wiederentdeckt.

Alle drei Alben liegen dieser hübschen Box im Buch-Format bei und wurden mit umfangreichem Bonus-Material bestückt und üppig erweitert — leider zum Teil direkt im Anschluss an das Original-Album. Auf einer weiteren CD finden sich Aufnahmen einer Studio-Session mit Freddie King aus den Criteria Studios (›Gambling Woman Blues‹ läuft über 21 Minuten lang), eine Blu-ray mit 5.1. Surround- und Quadraphonic-Mixen runden das Paket ab. Längst nicht jeder Ton des Aufstockermaterials ist übrigens tatsächlich so jungfräulich, wie der Hersteller behauptet. Dem Reiz dieser Zusammenstellung tut dies allerdings keinen Abbruch.

(8.5/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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