Goodbye June

Befreiung durch den Rock’n’Roll

Community Inn ist das dritte Langspielwerk der in Nashville residierenden Goodbye June, auf dem sich das Classic-Rock-Trio in jeder Beziehung extremer, aufgeräumter und jünger inszeniert.

 

Ihre im vergangenen Jahr im Vorprogramm von Greta Van Fleet absolvierten UK-Shows waren nicht nur in musikalischer Hinsicht eine spannende und ausgesprochen passende Angelegenheit. Die Parallelen beider Bands enden aber nicht bei ihrer nur schwer zu überhörenden Liebe zu Led Zeppelin — auch den Umstand, Familienbetrieb zu sein, haben Goodbye June mit den Senkrechtstartern aus Frankenmuth, Michigan gemein: Während sich letztere aus drei Brüdern plus Drummer-Freund zusammensetzen, stehen bei dem Power-Trio aus Nashville drei Cousins gemeinsam auf der Bühne.

Aufgewachsen sind sie alle noch etwas weiter im Süden, erzählt Sänger Landon Milbourn und lässt erahnen, dass die Geschichte ihrer Band auch die einer Befreiung ist. »Wir stammen aus einer religiösen Hardliner-Familie, in der Rockmusik als Teufelswerk gilt und dementsprechend tabu ist. Unseren ersten Fernseher hatten wir, als ich neun war. Das war auch Teufelsgerät. Als Teenager habe ich dann angefangen, mit meinem Cousin Brandon in dessen Keller abzuhängen — wir haben Gras geraucht, Filme geschaut und all die Rock’n’Roll-Platten gehört, die uns verboten waren. Ganz schön schräg, was?«



Dass sie bald damit anfangen, selbst die verruchte Musik zu spielen und schließlich in Tyler Baker einen dritten Vetter als Leadgitarristen zu sich in den Keller lassen, passt ihren Eltern ganz und gar nicht. Noch viel weniger, dass sie plötzlich echten Ehrgeiz entwickeln. »Im Juni 2005 ist Tylers Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Eine ganz schlimme und schmerzhafte Sache, er war ein richtig guter Kerl. In dieser Zeit haben wir noch viel mehr Musik gemacht, um irgendwie mit der Situation fertigzuwerden. Und plötzlich hatten wir ein Ziel vor Augen, es womöglich zu einer richtigen Band zu bringen. Wir wollten es zumindest probieren.«

Um ihre Bandaktivitäten zu intensivieren, ziehen Goodbye June — der Name ist ein Tribut an Bakers Bruder — vier Jahre später nach Nashville, wo sie 2012 in Nor The Wild Music Flow eine erste Platte aufnehmen und 2017 das vergleichsweise harte Magic Valley folgen lassen. Community Inn ist nun das zweite Album der Amerikaner, auf dem sie kein bisschen von ihrem Classic- und Heavy-Rock-Sound der Siebziger abrücken, ihn mittlerweile aber etwas eigenständiger und jünger klingen lassen. Led Zeppelin sind inzwischen ebenso berechtigt in ihren Songs auszumachen wie die späten Beatles, ein bisschen Lynyrd Skynyrd, die Rival Sons, Greta Van Fleet und sogar Kings Of Leon.

»Weshalb auch nicht?«, lacht Milbourn. »Als ich aufwuchs, hatte ich keine Ahnung, dass es all diese aufregende Musik von Led Zeppelin oder Jimi Hendrix gibt. Die Gründe, dass ich es nicht wusste, waren durch meinen Familienhintergrund wahrscheinlich andere als bei den meisten ahnungslosen Kids, die heute noch gar nicht wissen, was sie da alles verpassen. Wäre doch geil, wenn es uns gelingen würde, ihnen ein bisschen Starthilfe zu geben.«

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