Inglorious

Die Reise ins Ich

Schwere Zeiten für Ingorious: Noch vor der Veröffentlichung von Ride To Nowhere erklärte die komplette Saitenfraktion ihren Rückzug. Frontmann Nathan James blickt dennoch entspannt in die Zukunft: Ihre neuen Songs haben merklich an Substanz und Leben gewonnen.

Nathan James ist um Gelassenheit bemüht, als er Ende Oktober erstmals mit Außenstehenden über das dritte Album seiner Band spricht. Dass mit den beiden Gitarristen Andreas Eriksson und Drew Lowe sowie Bassist Colin Parkinson auf einen Schlag drei Fünftel seiner so hoffnungsvoll gestarteten Truppe von Bord gegangen sind, sei ein »verschmerzbarer Einschnitt« in die Bandgeschichte, gibt sich der Sänger gelassen.

Mit sowas müsse man sich »als Bandinitiator eben arrangieren«, erklärt der füllig gewordene Sänger mit dem ihm gegebenen Selbstbewusstsein. »Wenn David Coverdale bei jedem Gitarristen, der Whitesnake über die Jahre hinweg verlassen hat, die Flinte ins Korn geworfen hätte, stünde er heute nicht so weit oben«, lacht James, der von 2012 an für zwei Jahre zum Sängerstamm des Trans-Siberian Orchestra gehörte, ehe er 2014 Inglorious ins Leben rief und seitdem auch sporadisch mit dem früheren Scorpions-Gitarristen Uli Jon Roth zusammenarbeitete.

»Ich bin den Jungs dankbar, dass sie die aktuelle Platte noch mit mir ausgearbeitet und aufgenommen haben, und wünsche ihnen alles Gute für die Zukunft. Es gab seit längerem immer mal wieder Probleme zwischen uns, die mir verdeutlicht haben, dass diese Besetzung nicht bis in alle Ewigkeit bestehen würde.



Ich möchte mit einer Band unterwegs und glücklich sein, deren Mitglieder respektvoll miteinander umgehen und dankbar dafür sind, ihre musikalische Leidenschaft ausleben zu können. Das war zuletzt einfach nicht mehr der Fall. Die Entscheidung der drei, die Band zu verlassen, hat mich deshalb wahrscheinlich weit weniger überrascht als die Öffentlichkeit, die jetzt eine große Welle daraus macht.«

Dem Album selbst sind die internen Querelen nicht anzuhören, auf die Nathan James im Gespräch nicht detaillierter eingehen möchte. Die fünf Musiker präsentieren sich auf Ride To Nowhere als Einheit, die Songs wissen mit wesentlich mehr Tiefgang und Varianz zu gefallen als die Stücke der beiden Vorgänger.

Klang das Material auf Inglorious (2016) und vor allem Inglorious II (2017) stellenweise etwas affektiert und aufgebauscht, so besinnen sich Nathan James und seine Mitstreiter für die aktuellen Kompositionen auf eine traditionelle Tugend, an der sie ihr eigenes Schaffen von Anfang an ausrichten wollten: die Bodenständigkeit des Blues-behafteten Hardrock britischer Prägung.



»Wir waren uns einig, dass sich Ride To Nowhere merklich von unseren vorherigen Arbeiten unterscheiden sollte«, erklärt James, der mittlerweile im familiären Kreis ein Stück außerhalb von Reading auf einer kleinen Farm lebt und dort Schweinen und Hühnern ein Zuhause gibt. »Die neue Platte sollte geerdeter und etwas düsterer klingen.

Es gab einige persönliche Dinge, die ich in den Texten verarbeiten wollte, die einfach danach verlangten. Ich bin als Komponist gereift und verstehe es mittlerweile auch im Studio um einiges besser, die Songs ansprechend auszustaffieren.«

Eine nachvollziehbare Entwicklung, schließlich war ›Unaware‹ vom selbstbetitelten Inglorious-Debüt der allererste Song überhaupt, den Nathan James in seinem Leben selbst verfasste. Davor hatte der Sänger Stücke intoniert, die er von anderen Musikern vorgesetzt bekam. »Was Musik angeht, bin ich extrem wissbegierig und sauge gerne Tipps von befreundeten Kollegen auf.

Darum hat sich in den vergangenen drei Jahren einiges in meiner Arbeitsweise getan«, sagt der Frontmann, der neben David Coverdale vor allem Glenn Hughes, Freddie Mercury und Paul Rodgers verehrt. »Wir haben diesmal wesentlich mehr Wert auf die Produktion gelegt, uns im Studio mehr Freiraum für Feinheiten als zuvor gegönnt.

Es gibt mehr Passagen, in denen wir auf Akustikgitarren, Hammond-Orgel und Piano setzen, und auch die unterstützenden Choreinsätze kommen auf Ride To Nowhere besser raus als auf unseren bisherigen Platten. In Verbindung mit den dunkleren, härteren Grundzügen der Songs entfalten diese Elemente genau die Wirkung, die mir vorschwebte.«

›I Don’t Know You‹ ist die erste Nummer, die Inglorious für das erneut von Kevin Shirley (Black Country Communion, Joe Bonamassa) gemischte Album zu Ende denken. Ein Stück, das ebenso wie ›Tomorrow‹ deutliche Querverweise zu den besten Tagen von David Coverdale heraufbeschwört und das Nathan James ganz unbescheiden als »die beste Rock-Ballade der letzten zehn Jahre« bezeichnet. »Ich habe das Lied gemeinsam mit Andreas Eriksson und Heather Leoni geschrieben und bin wahnsinnig stolz darauf«, sprudelt es aus dem Sänger heraus.



»Gerade in Heathers Fall freut es mich, dass ich ihr damit eine Plattform für ihr Talent bieten konnte. Wir sind seit unserem 19. Lebensjahr befreundet, wissen wirklich alles voneinander und unterstützen uns so gut es nur irgendwie geht. Heather ist alleinerziehende Mutter und hat keine Zeit, eine eigene Band konstant am Laufen zu halten.

Bei ›I Don’t Know You‹ kann sie nun wenigstens mal wieder eine kleine Kostprobe ihres Könnens geben. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Song gut beim Publikum ankommen wird. Die traurigen Stücke stoßen bei unseren Anhängern auf besonders große Gegenliebe.«

Sein persönliches Umfeld lieferte in letzter Zeit einen Haufen Ansatzpunkte für Texte und nimmt dementsprechend viel Platz auf dem aktuellen Album ein, erörtert James. Hatte er sich bereits auf dem Vorgänger Inglorious II in einem Song mit dem Tod seines Großvaters auseinandergesetzt, so lässt der Blondschopf auf Ride To Nowhere gleich mehrfach tief in sein Seelenleben blicken. Im Song ›Queen‹, der genauso wie ›Liar‹ und ›Time To Go‹ mit hibbeligen Rhythmen und unterschwelligem Funk- und Soul-Gefühl gleichermaßen an Richie Kotzen wie auch an die Mittneunzigerarbeit Addiction von Glenn Hughes erinnert, verbeugt sich der stämmige Sänger vor seiner Mutter.

In ›Never Alone‹ gedenkt er einer kürzlich verstorbenen Weggefährtin und arbeitet in ›Glory Days‹ eine frühere Liebesbeziehung auf. »Anfangs hatte ich etwas Muffensausen, mich textlich so zu öffnen und die Menschen an meiner Reise ins Ich teilhaben zu lassen«, gesteht er. »Als ich für unser zweites Album die Zeilen für ›Faraway‹ verfasst hatte, wusste noch nicht einmal meine Familie, dass dieser Song meinem Großvater gewidmet ist.



Der Text war neutral gehalten, niemand wurde beim Namen genannt, und an sich konnte ihn jeder auf sich selbst münzen, der schon mal einen geliebten Menschen verloren hat. Auf der neuen Platte habe ich einen anderen Ansatz gewählt und gebe persönliche Geschichten auch als solche zu erkennen. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass mir diese Selbsttherapie hilft, über manche Dinge besser hinwegzukommen.«

Dass der Frontmann beim Einsingen dieser Herzensangelegenheiten ganz und gar in seinem Element war, offenbarte sich auch einem Plattenfirmenmitarbeiter bei dessen Stippvisite in den Liverpooler Parr Street Studios. Nathan James sang in diesem Moment gerade besagtes ›Glory Days‹ ein, wurde von seinen Gefühlen übermannt und brach in Tränen aus.

»Das konnte ich in diesem Moment nicht verhindern, ich bin voll und ganz in den traurigen Zeilen aufgegangen«, erinnert sich der Sänger. »Wir haben diese Gesangsspur letztlich für das Album verwendet, weil man den Kloß in meinem Hals, die Traurigkeit förmlich greifen kann. Ride To Nowhere ist ein mutiges Album, das mir sehr viel bedeutet. Ich offenbare mich den Menschen. Ich spinne mir keine Märchengeschichten zusammen, sondern berichte ihnen aus meinem Leben, von meiner Band, über meine Gefühle. Hoffentlich findet die Platte die Beachtung, die sie verdient!«

Nathan James hat längst realisiert, dass die Karriere seiner Band nicht allein von schmeichelnden Worten in britischen Gazetten vorangetrieben wird. Namhafte Musiker lobten die Klasse von Inglorious dort bereits vor Veröffentlichung ihres ersten Albums, was schon mal zum Verlust der Bodenhaftung führen kann.

»Ich bin mittlerweile dreißig Jahre alt, habe unglaubliche Erfahrungen im Tross des Trans-Siberian Orchestra in Übersee gemacht und danach für eine Weile in London gelebt — meine Ansichten zu vielen Dingen haben sich dadurch verschoben oder zumindest relativiert. Für dein Ego ist es natürlich wunderbar, wenn du noch vor deinem Debüt liest, mit welch liebevollen, motivierenden Worten dich beispielsweise ein Joe Perry bedenkt. Gleichzeitig legt dir so etwas aber auch Steine in den Weg, die du mit deinen Songs zur Seite fegen musst. Und ich glaube, dass uns das mit Ride To Nowhere nun endgültig gelingt.



Es ist die ehrlichste Platte, an der ich bislang beteiligt war. Ein Album, das hoffentlich auch die Leute außerhalb von Großbritannien davon überzeugt, dass uns an der Fortführung altehrwürdiger Classic-Rock-Traditionen gelegen ist. Es gibt nicht viele Bands in unserem Alter, die ihre Verbundenheit zu den alten Helden so ausleben wie wir es tun.«

Wen der Sänger konkret meint, wenn er dieser Tage von „seiner Band“ spricht, lässt er im Dunkeln. Nathan James und Schlagzeuger Phil Beaver haben kürzlich bekanntgegeben, dass sie in dem 19-jährigen Danny Dela Cruz bereits einen neuen Gitarristen gefunden haben, den der Frontmann in London kennenlernte, und den er sogleich als »besten derzeitigen Gitarristen Englands« adelt. Wer zukünftig jedoch die zweite Gitarre respektive den Bass bei Inglorious bedienen wird, bleibt vorerst ein Geheimnis.

»Den Rest des Jahres beschäftige ich mich hauptsächlich mit meiner Rolle in Jeff Waynes Musical-Version von War Of The Worlds, das uns quer durchs Vereinte Königreich führt, und muss dementsprechend ein paar Abstriche in Bezug auf Inglorious machen«, erklärt James. »Die Band ist mittlerweile aber wieder in voller Mannschaftsstärke zugange und probt an einem geheimen Ort.

Erst am Tag der Veröffentlichung im Januar werden wir der Öffentlichkeit die neue Besetzung vorstellen. Nach dem personellen Dilemma der letzten Zeit wollen wir die Vorfreude und Spannung der Anhänger ein bisschen anheizen. Ich bin jedenfalls guter Dinge für die Zukunft von Inglorious!«

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