Mother Road

Der gute Geist der goldenen Ära

Der einstige Soul Doctor-Gitarrist Chris Lyne lässt mit Mother Road zum zweiten Mal den bluesgetränkten Hardrock der frühen Siebziger hochleben. Erneut an seiner Seite steht der amerikanische Sänger Keith Slack.

Chris Lyne hat alle Hände voll zu tun. Der frühere Soul Doctor-Gitarrist ist wieder mal mit einer »Produktion fürs Fernsehen« beschäftigt, hat den ganzen Tag am Mischpult seines Studios zugebracht und ist heilfroh, als gegen Abend endlich Ruhe einkehrt. Jobs wie dieser, bei denen er das Vertonen von Filmen und Fernsehserien übernimmt, haben dem im Berliner Bezirk Köpenick ansässigen Musiker in den letzten Jahren über die Runden geholfen, nachdem Mother Road mit ihrem Debüt Drive (2014) nicht wie gewünscht ans Laufen kamen.

»Die Resonanz auf das Album war klasse, aber leider haben wir uns damals von unseren Geschäftspartnern bequatschen lassen, nicht direkt auf Tour zu gehen«, erzählt Lyne, der Mother Road 2011 gemeinsam mit Keith Slack gegründet hat. Eine glückliche Fügung brachte ihn seinerzeit mit dem Sänger zusammen, der durch Steelhouse Lane bekannt wurde — und den Gitarristen mit seiner bluesgetränkten Stimme begeisterte, die er in seiner späteren Southern- und Classic-Rock-Combo Mudpie zur Schau stellte.

Als kleine Band im Aufbau sei es immer dasselbe Problem, so Lyne: »Es fehlte jede Möglichkeit der finanziellen Unterstützung und alleine konnten wir eine Tour nicht stemmen. Mit Drive hätte sich einiges für die Band bewegen können, so aber haben wir nicht eine einzige Show gespielt.«

Bereits ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des Mother Road-Einstandes quartierte sich Lyne für fünf Wochen bei Keith Slack in Texas ein, um gemeinsam mit ihm an weiteren Stücken zu feilen. Eine ausgesprochen kreative Phase sei das gewesen. »Während meines Aufenthalts habe ich Barry Sparks kennengelernt, einen Kumpel von Keith, der ab und zu zum Jammen vorbeikam. Die beiden haben Ende der Neunziger in der Michael Schenker Group gespielt, Barry ist später bei Dokken eingestiegen. Heute ist er unser Bassist.«



Vom Blues getriebener Hardrock im Dunstkreis von Bad Company bleibt auch auf II der Ausgangspunkt, der sich mit ›Ain’t Got The Blues‹ in luftige Höhen schwingt und an die Whitesnake-Inkarnation der ausklingenden Siebziger erinnert. Das fulminante Kraftpaket ›Matter Of Time‹ hingegen ist ein herzhaft zupackendes Stück, das Lyne als Hommage an seinen Lieblingsmusiker verstanden wissen möchte: den viel zu früh verstorbenen Free-Gitarristen Paul Kossoff.

Aber auch Stippvisiten auf anderes Terrain lässt sich das von Schlagzeuger Athanasios „Zacky“ Tsoukas (Errorhead, Soul Doctor) komplettierte Quartett nicht nehmen. So fühlt sich ›Without You‹ im Southern Rock wohl, während das quirlige ›Cold Heat‹ im Funk- und Soul-Metier wildert. »Diese stilistische Offenheit ist genau das, was ich an Platten aus der goldenen Ära der Rockmusik so schätze«, erläutert Chris Lyne. »Bands wie Free, Humble Pie, Led Zeppelin und Deep Purple haben sich nicht limitieren lassen. Was diese Musiker als spannend und passend empfanden, haben sie in ihre Songs integriert. Ganz gleich aus welchem Genre das jeweilige Element stammte. So entstanden kurzweilige, zeitlose Werke, die ich gerne als Anhaltspunkte für eigene Musik heranziehe.«

Dass er nicht mit jedem seiner Lieder auf uneingeschränkte Gegenliebe stößt, ist dem Gitarristen bewusst. Es stört ihn aber nicht. »In meinem Umfeld gibt es Leute, die mir für ›Cold Heat‹ den Vogel gezeigt haben. Funkiger Groove und Bläser hätten ihrer Ansicht nach nichts in bodenständiger Rockmusik zu suchen. Ich sehe das anders. Ich schätze Tower Of Power-Alben ebenso wie die Deep Purple-Scheiben, auf denen David Coverdale und Glenn Hughes Soul-Vibes einbrachten. Dem Geist der damaligen Zeit fühle ich mich verbunden, den wollen wir mit unseren Platten aufleben lassen!«


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