Opeth

In Cauda Venenum

Nuclear Blast
VÖ: 2019

Zweitstimme Stephan Ullrich

In Cauda Venenum verdeutlicht einmal mehr, wie tief Van der Graaf Generator, Gentle Giant, Jethro Tull, Yes und King Crimson in die DNS von Opeth übergegangen sind. Nach dem beklemmenden Intro ›Livets Trädgård‹, das kunstvoll den Vorhang zu einer nebelverschleierten Szenerie aufzieht, bricht ›Dignity‹ über den Hörer ein, das sich in Riffs, Voicings und Rhythmen deutlich auf die alten Vorbilder beruft und doch eine typische Opeth-Nummer mit pastoralen Melodien bleibt. Dagegen riffen ›Hjärtat Vet Vad Handen Gör‹ (›Heart In Hand‹) und grollen ›De Närmast Sörjande‹ (›Next Of Kin‹) als Melancholie-Monolithen, die sich noch am ehesten am Vorgängerwerk Sorceress (2016) orientieren und ordentlich die Muskeln spielen lassen — gleichwohl aber auch einen ziemlichen Swing entfachen.

Das sowohl in der englischen als auch schwedischen Version gleich betitelt ›Charlatan‹ dagegen überfällt und überwältigt mit tiefergelegten Heavy-Riffs, über die Åkerfeldt seinen beschwörenden Gesang spannt, während Joakim Svalberg sein Bestes gibt, mit unheimlichen Mellotronstreichern, einem dissonanten, leicht verzerrt gespieltem Orgelthema und einer tüchtig grundierenden Kirchenorgel eine unbehagliche Horroratmosphäre aufzubauen. Abschließende Hörspielsequenzen und tief in Hall gebettete Mönchsgesänge verstärken diese weiter. Ab hier wird der Grundton der Platte verträumter, freundlicher und filigraner. Opeth standen noch nie in Verruf, sich musikalisch zu wiederholen. Und so ist auch In Cauda Venenum ein ganz besonderes Artefakt in der Geschichte von Åkerfeldts Ensemble geworden, auf dem sie sich befreit und ideenreich als Vertreter des Art- und Progressive Rock ausleben.

(9/10)

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