Sanctuary

The Year The Sun Died

Century Media
VÖ: 2014

Die Sonne geht wieder auf

Schlappe 24 Jahre nach Into The Mirror Black lassen sich Sanctuary zu einem neuen Album hinreißen. Die Sorgen darüber, ob sich nach einer solch langen Zeit und nach der fruchtbaren Karriere ihres irren Sängers Warrel Dane mit Nevermore schlüssig an das vertrackt-melancholische Meisterwerk von 1989 anknüpfen lassen könnte, stellen sich als unbegründet heraus — sofern keine schablonenartige Fortsetzung herbeigesehnt wurde.

Im Grunde war dies das Unwahrscheinlichste überhaupt: Musikalisch ist der Seattle-Fünfer bereits in den späten Achtzigern so stark in Bewegung gewesen, dass sich auch ohne die Auflösung 1992 jedes weitere Album von Into The Mirror Black ganz zwangsläufig unterschieden hätte.

Markerschütternd hohe Schreie lässt Dane heute eher mal im Hintergrund erklingen. Viel deutlicher liegen auf The Year The Sun Died die Verwandtschaftsverhältnisse zu Nevermore auf der Hand, die all die Jahre über den Platz von Sanctuary eingenommen haben — auch wenn ›Arise And Purify‹ und ›Let The Serpent Follow Me‹ leichter bekömmlich und viel melodischer geraten sind als das zunehmend verschachtelte Material, das Dane und Bassist Jim Shepherd mit ihrer letzten Band vertont haben.

Gitarrist Lenny Rutledge hat mit dem einzigen Neuzugang Brad Hull einen Partner an der Seite, mit dem er perfekt harmoniert. Immer wieder streut er dezente Zitate der alten Sanctuary ein, die besonders den schnellen Krachern ›Question Existing Fading‹ und ›Frozen‹ die nötige Identität verpassen. Filigran, technisch anspruchsvoll, progressiv und dennoch eingängig — diese Attribute zeichnen die Gruppe noch immer aus, und wenn sich darunter noch die melancholische Note eines ›I Am Low‹ mischt, sollte jeder Anhänger reinen Gewissens seinen Hut ziehen können.

Ausfälle gibt es auf The Year The Sun Died nicht im Ansatz zu verzeichnen. Und wenn das bärenstarke Titelstück das Album nach 50 Minuten beendet, lockt bereits der nächste Durchlauf. Oft überraschend, immer wieder anders — ein besseres Comeback hätte Sanctuary schwer gelingen können!

(9/10)

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