Scorpions

Die ganze Härte des Stachels (Sammlerguide)

Obgleich sich an ihrem Welthit ›Wind Of Change‹ die Geister scheiden: Die Hannoveraner Hardrocker sind mit über 75 Millionen verkauften Platten die wichtigste Gruppe, die Deutschland hervorgebracht hat. Bis heute feiern die Scorpions selbst in den entlegensten Gegenden Riesenerfolge.

Ihre Geburtsstunde schlägt 1965, als der gitarrespielende Teenager Rudolf Schenker mit dem ebenso Beatles-infizierten Trommler Wolfgang Dziony eine Band startet. Weil ihnen kein Name einfällt, taufen sie die Combo Nameless. Im Jahr darauf benennen sie sich in Scorpions um.

Ende 1969 folgt der entscheidende Schritt: Schenkers jüngerer Bruder Michael wechselt mit Sänger Klaus Meine von Copernicus zu den Scorpions. Da Meine mit Rudolf Schenker ein optimales Kreativ-Duo bildet, widmen sich die Musiker verstärkt eigenen Kompositionen.

1972 spielen sie ihr Debüt ein: Lonesome Crow ist vom kompakten Hardrock künftiger Tage noch weit entfernt; es dominieren psychedelische und progressive Klänge. Hernach gehen sie auf Tour mit Uriah Heep und UFO (die ihnen das Übertalent Michael Schenker abwerben).

Neuer Leadgitarrist wird der glühende Hendrix-Verehrer Uli Jon Roth, mit dem Fly To The Rainbow (1974), In Trance (1975), Virgin Killer (1976) und Taken By Force (1977) entstehen, die besonders in Japan für Aufsehen sorgen. Dort schneiden die Scorpions ein energiegeladenes, musikhistorisch bedeutsames Live-Dokument mit:

Tokyo Tapes markiert 1978 das endgültige Vordringen einer deutschen Rockformation in den Weltmarkt, was bis dahin Elektronikern wie Tangerine Dream und Kraftwerk vorbehalten war.

Im selben Jahr nimmt Roth wegen künstlerischer Differenzen seinen Hut. Für ihn kommt Matthias Jabs, muss aber einstweilen dem zurückkehrenden Michael Schenker weichen, bevor er wegen dessen Alkohol- und Drogenproblemen fest einsteigt. Mit Meine und Rudolf Schenker bildet der versierte Jabs nun das Rückgrat der Kapelle.

Das 1979er Album Lovedrive beschert die erste Goldene Schallplatte in den USA. Mit Animal Magnetism, Blackout und Love At First Sting avanciert das Quintett Mitte der Achtziger zu einer der größten Hardrock-Formationen des Planeten.

1990 gelingt auch in der Heimat endlich der Durchbruch: Crazy World wird dank der Wende-Ballade ›Wind Of Change‹ zur in Deutschland meistverkauften Scorpions-Platte. In den Neunzigern verprellt die Gruppe mit halbgaren Scheiben viele Anhänger, versucht sich auf Moment Of Glory (2000) an einer Melange aus Rock und Klassik und auf Acoustica (2001) am Unplugged-Format.

Erst 2004 wendet sie sich mit Unbreakable wieder dem klassischen Hardrock zu. Ihre globale Beliebtheit ist ungebrochen: Konzerte in Ägypten, der Mongolei, auf den Philippinen oder in Sibirien locken Abertausende. Anfang 2010 verkündet die Band, nach Sting In The Tail auf ausgedehnte Abschiedstournee zu gehen.

Im Sommer 2012 gibt sie aber den Rücktritt vom Rücktritt bekannt. Momentan arbeiten die Scorpions an einem weiteren Album, dessen Songs auf nicht verwendeten Ideen aus den Achtzigern basieren sollen.


 

UNVERZICHTBAR:

Lovedrive (1979)

Die sechste LP definiert den ureigenen Stil der Scorpions. Da nach Uli Jon Roths Ausstieg Rudolf Schenker fast gänzlich die Musik schreibt, wirkt Lovedrive homogener als alle Werke zuvor. Daran ändert auch nichts, dass Michael Schenker und nicht Debütant Matthias Jabs in drei Nummern die Leadgitarre spielt. Mit den Dampframmen ›Another Piece Of Meat‹ und ›Can’t Get Enough‹ stößt die Band in neue Härteregionen vor. Der Titelsong, das Instrumental ›Coast To Coast‹, ›Loving You Sunday Morning‹ und die Ballade ›Holiday‹ werden Klassiker. Nicht minder gelungen: das mit Reggae-Rhythmik experimentierende ›Is There Anybody There?‹.



 

Love At First Sting (1984)

Das Album, das die Gruppe endgültig in den Rang internationaler Superstars erhebt. In ›Rock You Like A Hurricane‹, ›Bad Boys Running Wild‹, ›Big City Nights‹ und der epischen Powerballade ›Still Loving You‹ enthält es vier der größten Scorpions-Evergreens. Im Vergleich zum ungestümen Vorgänger Blackout wirkt der Sound polierter, doch ausgefeiltere Melodien wiegen die abgeschliffenen Ecken und Kanten auf. Mit dem flotten ›Coming Home‹ und der stramm marschierenden Antikriegs-Nummer ›Crossfire‹ setzt die Scheibe, bei der nur ›The Same Thrill‹ kompositorische Durchschnittskost bietet, zusätzliche Glanzlichter.



SECHS EMPFEHLUNGEN:

 

In Trance (1975)

Ihre dritte LP erweist sich als wichtiger Wendepunkt. Zum einen beginnt die Band eine langjährige Kooperation mit dem prägenden Produzenten Dieter Dierks, der zuvor mit Nektar, Birth Control und den Elektronik-Pionieren Tangerine Dream gearbeitet hat. Zum anderen läutet In Trance die Hinwendung zum griffigen Hardrock ein (›Robot Man‹, ›Top Of The Bill‹). Der famose Titelsong (ihre erste Powerballade) fasziniert genau wie ›Evening Wind‹, ›Living And Dying‹ und ›Life’s Like A River‹ durch eine melancholisch-mystische Aura, wozu Uli Jon Roths häufige Verwendung von Mollskalen maßgeblich beiträgt.



 

Virgin Killer (1976)

Den im Vorjahr begonnenen Hardrock-Ansatz führt Virgin Killer konsequent fort. Der mitreißende Einstieg ›Pictured Life‹ ist bis heute einer ihrer besten Auftaktsongs, dem weitere Highlights wie ›Backstage Queen‹ oder das von einer Nachwuchscombo namens Van Halen gern im Proberaum gespielte ›Catch Your Train‹ folgen. Die von Roth gesungenen Titel ›Polar Nights‹ und ›Hell-Cat‹ stellen klar, dass der Meistergitarrist keinen brauchbaren Vokalisten abgibt. Für Aufsehen sorgt neben dem Inhalt auch die Verpackung: Das Originalcover zeigt ein nacktes zehnjähriges Mädchen und wird später zensiert.



 

Blackout (1982)

Neben Lovedrive und Love At First Sting ihr dritter Meilenstein. Er kommt um ein Haar nicht zustande: Klaus Meine bringt wegen Knötchenbildung auf den Stimmlippen keinen Ton mehr raus. Die Karriere der Scorpions steht auf der Kippe. Nach zwei Operationen und langwieriger Therapie kehrt Meine zurück. Seiner zu keiner Sekunde auf Schonung bedachten Performance stehen seine Kollegen in nichts nach: Der Titelsong, ›Now!‹ und ›Dynamite‹ gehören zu den härtesten Liedern der Gruppe, ›No One Like You‹ zu ihren größten Ohrwürmern. Kongenial abgerundet wird Blackout von Gottfried Helnweins berühmtem Cover-Artwork.



 

Crazy World (1990)

Ende der Achtziger trennen sich die Scorpions von Stammproduzent Dieter Dierks. Für Crazy World verpflichten sie Keith Olsen (Foreigner, Whitesnake), der sie mit Hitschmied Jim Vallance (Bryan Adams, Aerosmith) zusammenbringt. An sieben von elf Stücken ist er beteiligt. Trotzdem heizt die Band nach dem Pop-Metal-Sound von Savage Amusement (1988) mit harschen Gitarren und wuchtigen Drums wieder kräftig den Ofen an: Das treibende ›Hit Between The Eyes‹, die Hymne ›Lust Or Love‹ oder das von zentnerschweren Riffs befeuerte Titellied sind furioser Hardrock — was durch ›Wind Of Change‹ oft vergessen wird.



 

Humanity - Hour I (2007)

Mit Desmond Child (Bon Jovi, Kiss) und James Michael (Sixx A.M.) als Produzenten wagt die Gruppe ein Konzeptalbum. Childs klischeestrotzende Geschichte vom Krieg zwischen Menschen und Robotern wird mit Gästen wie Billy Corgan (Smashing Pumpkins) oder John 5 (Marilyn Manson) frischwindig umgesetzt in Nu-Metal-Riffs aus tiefergestimmten Gitarren (›Hour I‹, ›321‹), ergreifendem Pathos amerikanischer Prägung (›We Were Born To Fly‹, ›Humanity‹) und sanften Balladen (stark: das queeneske ›The Future Never Dies‹). Scorpions-typisch ist nur ›The Game Of Life‹ mit ›Rock You Like A Hurricane‹ - Gedächtnisriff.



 

Sting In The Tail (2010)

Zum vermeintlichen Abschied soll der Sound ihrer Achtziger-Klassiker in die Gegenwart transferiert werden. Das gelingt glänzend: Schwungvolle Rocker wie ›Turn You On‹ oder ›Raised On Rock‹ atmen genau wie die atmosphärische Ballade ›SLY‹ den Geist von Love At First Sting. Ebenfalls grandios: die dunkel eingefärbte, eher an die Frühneunziger-Werke erinnernde Single ›The Good Die Young‹ mit ihrem gigantischen Refrain. Zum besten Scorpions-Album seit (mindestens) zwanzig Jahren gerät das Opus auch durch die phänomenale Gesangsleistung von Klaus Meine, der mit 61 Jahren brilliert wie eh und je.



VORSICHT!

 

Pure Instinct (1996)

Nach dem mäßigen kommerziellen Abschneiden des ungehobelten, um neue Impulse bemühten Brockens Face The Heat (1993) bieten die Hannoveraner auf ihrer nächsten Scheibe das totale Kontrastprogramm. Erwischt Pure Instinct mit dem Rocker ›Wild Child‹, worin Dudelsäcke für ungewöhnliche Farbtupfer sorgen, noch einen durchaus schmissigen Start, so dominieren in der Folge zahnlose, wenig inspirierte Midtempo-Nummern und eine ärgerliche Menge Balladenschmalz. Das Läster-Etikett „Hausfrauen-Rock“ haben sich die Scorpions auf ihrem dreizehnten Studiowerk redlich verdient. Tierisch ist hier nur das Cover.



 

Eye II Eye (1999)

Als hätten die Alben davor nicht stark genug polarisiert, nimmt sich die Kapelle in einem Anfall von Geistesschwäche vor, als coole Popgruppe zu punkten. Bei ›Mysterious‹, ›Freshly Squeezed‹ oder ›To Be No. 1‹ setzt sie auf elektronische Spielereien, Dancefloor-Beats, hippe Grooves und Drumcomputer-Einlagen. Genauso übel sind die lauen Lüftchen ›10 Lightyears Away‹ und ›Eye To Eye‹, die bei Enrique Iglesias oder N’Sync besser aufgehoben wären. Der Tiefpunkt: das teils deutsch gesungene ›Du bist so schmutzig‹, dessen Text offenbar die Rammstein-Klientel bedienen soll. Insgesamt ein Stich daneben.



 

Diskografie Scorpions:

Lonesome Crow (1972)
Fly To The Rainbow (1974)
In Trance (1975)
Virgin Killer (1976)
Taken By Force (1977)
Lovedrive (1979)
Animal Magnetism (1980)
Blackout (1982)
Love At First Sting (1984)
Savage Amusement (1988)
Crazy World (1990)
Face The Heat (1993)
Pure Instinct (1996)
Eye II Eye (1999)
Unbreakable (2004)
Humanity – Hour I (2007)
Sting In The Tail (2010)
Return To Forever (2015)

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