Tedeschi Trucks Band

I Am The Moon I. Crescent / II. Ascension

Fantasy/Concord
VÖ: 2022

Zauber aus dem Leisen

Das Live-Spielen mag dem Jam-Kollektiv elementar gefehlt haben. Negative Auswirkungen auf die Schaffenskraft der Tedeschi Trucks Band hatten die zurückliegenden Seuchenmonate in tourneeloser Abschirmung gottlob keine: Gut zwei Dutzend Songs hat das zwölfköpfige Großensemble um Slide-Gitarrist Derek Trucks und seine Gattin Susan Tedeschi in vergleichsweise kurzer Zeit geschrieben und aufgenommen, mit denen sie vier thematisch zusammenhängende Alben bestücken, die sukzessive bis Ende August erscheinen.

Inhaltlich verbindet I Am The Moon: I. Crescent, II. Ascension, III. The Fall und IV. Farewell die von Nizami Ganjavi im Persien des 12. Jahrhunderts erdachte Liebesgeschichte von Layla und Maju, die einst Eric Clapton zumindest als Sprungbrett zu Layla And Other Assorted Lovesongs (Derek And The Dominos, 1970) diente. Wobei sich die Tedeschi Trucks Band ungleich strenger auf den Plot der Literaturvorgabe bezieht und diesen um neue Erzählperspektiven ergänzt und weiterspinnt. Auch ihre eigene Situation der Isolation hat Einfluss auf den aufs Zwischenmenschliche gerichteten Themenfokus genommen.

Und doch strotzt ihr fünftes Studio-Werk in allen vier Teilen vor Leben und positiven Emotionen — was I Am The Moon zu einem völlig anderen Album macht als das tonnenschwere Signs (2019), auf dem die Gruppe beinahe ohnmächtig eine Serie schmerzvoller Todesfällen zu verarbeiten versuchte. Bemerkenswert entspannt und beinahe zärtlich starten sie mit dem sich stetig verdichtenden ›Hear My Dear‹ in I. Crescent, um sich im darauffolgenden ›Fall In‹ bläsersüffig in New Orleans zu verlustieren. Und im Fortgang dann ihre ganze Band-Essenz und Magie abrufen.

Wie die Tedeschi Trucks Band aus dem bezaubernden Titelstück (mit einem Echo von Delaney & Bonnie, Mellotron-Streichernebel und tollen Bläsern) in ›Circles ’Round The Sun‹ hineingleitet, ist allergrößtes Jam-Rock-Kino: Aus dem schwerelosen Shuffle pellt sich nach und nach ein ziemlich betörender Groove-Jam, der fest in der Tradition der Allman Brothers steht — im finalen Drittel lassen sich glatt Reminiszenzen an ›In A Silent Way‹ von Miles Davis unterstellen. Der zwölfminütige Instrumental-Abschluss ›Pasaquan‹ ist mit seinem ungehemmten Improvisationsspielfeuer (Slide-Gitarre! Orgel! Drum-Swing!) dann so dicht dran an den zwischen Bluesrock, Psychedelic und Jazzrock changierenden Jam-Abenteuern der Allmans wie schon lange nichts mehr.

Ab hier ist man mittendrin im Geschehen, das zwischen Blues, Rock, Soul, Gospel und Jazz das gesamte Spektrum amerikanischer Roots-Musik abdeckt und hier aus dem Ruhigen heraus immer wieder aufzuwallen beginnt. Mit I Am The Moon: II. Ascension startet es in einen womöglich etwas formstärkeren zweiten Akt, in dem die Lieder etwas typischer und üppiger geraten sind — und mit viel Feinsinn dem Weg folgen, den Alben wie Revelator (2010), Made Up Mind (2013) und Let Me Get By (2016) bereitet haben.

Das zugängliche ›With My Emotions‹ ist ganz wunderbarer (Southern-)Soul mit fein eingebetteten Bläsern und Chören, dem sich Songs wie ›Ain’t That Something‹ und ›Rainy Day‹ anschließen. Dass ein Großteil des Zaubers von I Am The Moon aus dem Leisen heraus entsteht, verdeutlichen nicht zuletzt die neun Minuten des jazzig eingefärbten ›All The Love‹. Vielmehr jedoch das in seiner gesamten Darbietung unfassbar zärtliche ›Hold That Line‹, dessen latent orientalischer Puls ein wenig an das Schaffen von Robert Plant erinnert: Man möchte sechs Minuten lang die lang Luft anhalten, um ja nichts zu verpassen.

(9/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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