The Brandos

Roots-Rock-Charme mit Verirrungen

Mein Gott, diese Stimme! Dieses markerschütternde, manchmal kreissägenhafte, gelegentlich herb-zärtliche, aber immer von echtem Pathos getränkte Organ des Dave Kincaid.

Eigentlich sollte es sich turmhoch über dem bewährt bratzigen Gitarrengedengel und geradlinigen Rhythmusfundament der altgedienten Kapelle erheben, die trotz ständiger Besetzungswechsel immer zuverlässig altmodisch klingt. Kincaid erzählt in der zweiten Konzerthälfte, das Label habe ihren gesamten Backkatalog auf Vinyl wiederveröffentlicht, aber »ich habe keinen Plattenspieler, aber man sagt mir, sie klingen gut«. Er klingt auch gut — normalerweise. Aber bei diesem Gig hat der stocktaube Mixer vor lauter Liebe zu Bass und Schlagzeug seine Stimme fast vergessen, und die eigentlich Gänsehaut erzeugenden Momente eines Brandos-Konzerts sind nur mit einem speziell eingestellten Hörgerät aufzuspüren.

Vor allem in den alten „Kulthits“, die immer noch ihre magische Wirkung entfalten, wie ›The Solution‹, ›The Light Of Day‹ oder das knappe Civil War-Monument ›Gettysburg‹, das grobmotorische Riffs wie tektonische Plattenverschiebungen gegen hymnischen Gesang auffährt und ein Lehrstück für alle Roots-Rock-Songschreiber ist. Wenn Kincaid hinausbelfert „mother’s son died today“, beschleicht den alteingesessenen Fan das Gefühl, genau in diesen alten Songs fühle der Sänger sich mehr zu Hause als in dem neuen Zeug vom in Teilen spanisch eingesungenen Album Los Brandos.

Klar, die Band (Gitarrist Frank Giordano, Bassist Sal Maida, Drummer Phil Dimarco) zelebriert auch hier stur ihren ungeschliffenen, rumpeligen Roots-Rock-Charme. Allerdings mäandrieren ›Querer A Los Niños‹ und ›Señor Coyote‹ eher ziellos lärmend umher, statt Erlösung zu finden in jenen großen Refrains, die die Klassiker von früher auszeichnen. Unter den neuen Stücken überzeugt einzig die aufgekratzte Bühnenfassung von ›Woodstock Guitar‹, eine leicht sentimental erzählte Reminiszenz an das legendäre Festival. Damit sind die Brandos wieder genau da, wo sie hingehören: im Storyteller-Himmel. Und schon geht ein wissendes Leuchten durch die verwitterten Seelen des treuen Publikums — und alles ist gut.

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