Dietmar Sous

Dietmar Sous Lesebuch

Edition Virgines
VÖ: 2019

Silberstreifen in der Provinz

Dietmar Sous zählt nicht gerade zu den allerbekanntesten zeitgenössischen Schriftstellern im Lande. Dabei ist er ein Autor, den zu entdecken lohnt! Dazu eignet sich hervorragend dieses kleine Lesebuch, das anlässlich seines 65. Geburtstags im Januar erschien. Chronologisch angeordnet, versammelt es Auszüge und prägnante Passagen aus fast allen seinen Büchern sowie Magazin- und Anthologiebeiträge.

Sous, 1954 geboren, hört 1964 „erstmals die Beatles, die Rolling Stones — zeitweise lautet sein Berufswunsch Schlagzeuger“, protokolliert Martin Willems, der auch die Texte ausgewählt hat, in seinem Nachwort. Von den Trommelstöcken hat der Stolberger die Finger gelassen, Rock’n’Roller ist er geblieben. Als Musikfan, der neben Rock, Punk, New Wave auch Jazz schätzt, wie auch als Autor. Seine Themen und Figuren findet er vor der eigenen Haustür in der Provinz, gleich um die Ecke, in der Nachbarschaft. Die große Welt ist anderswo: „In Aachen, sagt einer, der es wissen muss, gibt es Gruppensex, Popfestivals und Haschisch aus Holland. Da wollen wir hin.“ (Aachen Land (1950er Jahre-1972)). Musik spielt in fast all seinen Geschichten und Romanen eine mehr oder minder große Rolle. Immer wieder borgt er sich dazu prominente Musiker, die er in fiktiven Szenen reichlich alt aussehen lässt. So etwa Chris de Burgh, den ein Musikjournalist in dessen Hotelzimmer, das nach inszenierter Orgie aussieht, als Schlagersänger tituliert, worauf der „unsympathische Ire“ das Interview abbricht. Als er den Brief mit seinen getippten Verriss einwirft, landet irrtümlich auch ein Honorarscheck mit im Briefkasten. Während er daneben auf dessen Leerung wartet, lernt der Pechvogel Betty kennen („Betty“, aus Sweet About Me).

Höhenflüge und Abstürze liegen dicht beieinander in Sous’ Welt, das Glück ist oft nur von kurzer Dauer. Seine Protagonisten, die allesamt nicht auf der Sonnenseite wandeln, haben ihre arge Mühe mit dem Alltag, kämpfen sich durch drittklassige Jobs (Zählen von Puzzleteilen, um deren Vollzähligkeit zu überprüfen), zum Scheitern verurteilte Beziehungen oder kollabierendes Familienleben. Ihr Durchhalten, Weitermachen, Aufbegehren schildert Sous mit lakonischer Prägnanz, treffsicherem Humor und sprachlicher Brillanz und findet immer wieder auch den Silberstreif in der Tristesse. Seinen Humor dokumentiert dieser Band nicht nur in den Texten. Ergänzt um einige Abbildungen, zeigt sich Sous auf vier Fotos: Auf einer Aufnahme von 2015 sitzt er in einem Bus-Wartehäuschen, zwei Plätze neben ihm lehnt David Bowie in Gestalt der LP Space Odditiy.

Keine Wertung
TEXT: AMIR SHAHEEN

ROCKS PRÄSENTIERT

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