Dio

Das Gegenteil von Rock'n'Roll

Die unter dem Motto Dio Returns angekündigten Konzerte versprechen hingegen eine bahnbrechende Neuerung: die Wiederauferstehung des stimmgewaltigen Sängers als Hologramm. Erstmals geht ein verstorbener Musiker in dieser Form mit einer Band auf Tournee. Wir waren in Köln dabei.

TEXT: AMIR SHAHEEN

Köln, Kantine: Ronnie James Dio ist tot. Seine Musik wird weiterleben. Mit Rainbow und Black Sabbath sowie mit seiner eigenen Formation Dio hat der 2010 verstorbene Sänger Rockgeschichte geschrieben und unzählige Klassiker hinterlassen. Sein Werk zu würdigen, sein Vermächtnis weiterzutragen und auch Menschen zugänglich zu machen, die ihn nie live erlebt haben, ist legitim. Zumal dann, wenn dies Musiker tun, die jahrelang mit Dio die Bühne geteilt oder gar seine Songs mitgeschrieben und eingespielt haben.

Die unter dem Motto Dio Returns angekündigten Konzerte versprechen hingegen eine bahnbrechende Neuerung: die Wiederauferstehung des stimmgewaltigen Sängers als Hologramm. Erstmals geht ein verstorbener Musiker in dieser Form mit einer Band auf Tournee. Angesichts einer solchen Weltpremiere ist Skepsis angebracht — und tatsächlich haben auch nur etwa 250 Zuschauer den Weg in die Kölner Kantine gefunden.

Die ein Jahr nach Dios Tod ins Leben gerufenen Dio Disciples, denen mit Gitarrist Craig Goldy, Schlagzeuger Simon Wright und Keyboarder Scott Warren drei einstige Dio-Musiker angehören, agieren mit Unterstützung von Dios Ehefrau und Managerin Wendy Dio. Aber was in Köln geboten wird, ist kümmerlich und so ziemlich das Gegenteil von Rock’n‘Roll.

Nach einem Video-Intro erscheint bereits das Dio-Hologramm, und die Show startet schwach mit ›King Of Rock’n’Roll‹. Dio, zentral und etwas erhöht zwischen die Musiker projiziert, wirkt seltsam mager, die Band, durch den Gesang aus dem Rechner zu äußerster Präzision gezwungen, erledigt ihren Part tadellos.

Aber leider auch etwas steril, starr und gänzlich uninspiriert. Neben dem fortwährend griesgrämig dreinschauenden Goldy verwundert, dass Simon Wright seine Kopfhörer nie absetzt und selbst dann zu Click-Tracks zu spielen scheint, wenn das Hologramm pausiert und sich Oni Logan (Lynch Mob) und Tim „Ripper“ Owens (einstmals Judas Priest) am Mikro abwechseln.



Während Logan mit seiner wärmeren Stimmfärbung dem Dio-Hardrock Leben einhaucht (›Egypt‹), schreit Owens die Songs hingegen regelrecht kaputt (›Straight Through The Heart‹). Die Songauswahl, die Dios Jahre mit Rainbow und Black Sabbath sowie die ersten drei Dio-Alben berücksichtigt, ist eigentümlich. Kaum kommt mit ›Kill The King‹ etwas Spannung auf, macht ›Mystery‹ alles wieder zunichte. Die Musiker, Logan ausgenommen, agieren eher lustlos und gezwungen und vermögen es an diesem Abend kaum, die Magie und die Kraft der Songs mitreißend zu präsentieren.

Das Dio-Hologramm, das bei fünf weiteren Songs in Erscheinung tritt (›The Last In Line‹, ›Holy Diver‹, ›Heaven And Hell‹, ›Man On The Silver Mountain‹, ›Rainbow In The Dark‹), mutet befremdlich an - und dem großen Musiker nicht würdig.

Gegenüber dem Auftritt in Wacken 2016 angeblich verbessert, bleibt zu konstatieren, dass keine noch so ausgeklügelte Technik, keine noch so perfekte Illusion den Geist des Rock’n‘Roll reproduzieren kann. Es ist ja gerade der einzigartige, nicht wiederholbare Moment, der (Rock-) Konzerte auszeichnet. Nach gerade mal achtzig Minuten ist der Spuk, der lediglich sehr verhaltene Reaktionen hervorruft, auch schon vorbei, die Meinungen sind gespalten. Manch einer, der annähernd fünfzig Euro hingeblättert hat, ist stinksauer und fühlt sich abgezockt.

Dessen ungeachtet arbeitet das zuständige Unternehmen Eyellusion offenbar daran, nächstes Jahr neben Dio auch Frank Zappa als Hologramm auf Tour zu schicken. Im Rahmen einer Las-Vegas-Show hat ein solches Spektakel sicher seine Berechtigung. Auf einer Rock-Bühne wirkt es fehl am Platze. Es fällt schwer, darin mehr zu entdecken als üble Geldmacherei.

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