The End: Machine

The End: Machine

Frontiers
VÖ: 2019

Der Ehrenplatz ist sicher

Ein Musikerzusammenschluss wie dieser weckt Begehrlichkeiten, die so leicht nicht zu stillen sind. Den Start in The End: Machine dürften sich die meisten dann auch um einiges triumphaler vorgestellt haben als mit ›Leap The Faith‹ und ›Hold Me Down‹ — die Nummer mit dem tranigsten Refrain der Platte entfaltet ihren Charme langsam aber nachhaltig. Und doch springt einem bereits hier die enorme musikalische Autorität dieser Band entgegen, die selbst aus solchen Momenten etwas Besonderes macht. Dass Bassist und Produzent Jeff Pilson darauf beharrt, mit The End: Machine etwas herangezüchtet zu haben, das trotz eines intuitiven Automatismus’ nicht wirklich mit den ruhmreichen Karrierestationen der involvierten Musiker in Verbindung stehen soll, ist ziemlich dubios und wird spätestens im dritten Song krachend widerlegt: Das überragende ›No Game‹ klingt wie eine altersgereifte und unter zeitgenössischen Vorzeichen betriebene Fortführung dessen, was Lynch Mob in ›Hell Child‹ (Wicked Sensation, 1990) oder ›Tangled In The Web‹ anzettelten — auf Lynch Mob gab sich 1992 dann auch Robert Mason als Sänger die Ehre, der den charakterstarken Hardrock dieser Band in eine weniger mystisch aufgeladene Richtung lenkte. Aber auch Pilson hat mit seinem Bassspiel und den (Chor-)Arrangements Fingerabdrücke hinterlassen, die dem Verbund eine subtile Dokken-Note bescheren.
In einem behält der Bassist jedoch uneingeschränkt recht: The End: Machine ist kein Album gestandener Musiker, die dem Sound ihrer Vergangenheit nachjagen und am Designtisch zu reproduzieren versuchen. Gerade George Lynch ist mit seinen trockenen Riffs, Leads und schnarrenden Akkordzerlegungen unüberhörbar der Gitarrengott und Saitenkünstler von heute geblieben, der schon ewig nichts mehr auf die Soundmanierismen der hallüberfrachteten Achtziger gibt. All das macht diese Platte doppelt wertvoll, in Teilen allerdings auch sperriger, als es sich manch einer womöglich erhofft hatte. Das träumerische, von akustischen Gitarren, durchdringendem Bass und Led Zeppelin-Schlagzeug untermalte ›Burn The Truth‹ sind hiervon ebenso ausgenommen wie ›Bullet Proof‹, die in dieselbe offensive Qualitätskerbe schlagen wie ›No Game‹. Umso mehr Aufmerksamkeit und Liebe verlangt dafür das Eingangsdoppel ›Hard Road‹ und ›Ride It‹, das an eine tiefergelegte Neuauflage von Dokkens ›Till The Livin’ End‹ erinnert. ›Alive Today‹ spielt mit einem recht modernen Klangpanorama und verzahnt Riff und Drums, wie es sich schon für ›Flesh And Blood‹ auf Lynchs erstem Solo-Album Sacred Groove (1993) gehört hätte. Den größten Erbauungsrefrain hat ›Life Is Music‹, das einen kurzen Augenblick antäuscht, eine neuere Nummer von Extreme zu sein — noch besser ist das dramatische ›Sleeping Voices‹ mit stimmungsvoll untermalendem Mellotron. Wer diese brillant produzierte Platte etwas sacken lässt, wird in The End: Machine früher oder etwas später das gehaltvollste Album entdecken, das die vier involvierten Musiker in ihren jeweiligen Karrieren seit 1991 zustande brachten.

(8.5/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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