Frank Schäfer

Krachgeschichten

Zweitausendeins
VÖ: 2021

Genau da, wo der Autor war

Schäfers Texte sind anders. Er ist kein Waschzettelverlängerer, kein erbsenzählender Kritikaster und schon gar kein Konzerte-Nacherzähler. »Auch Texte über Musik können Literatur sein. Das hat mir immer eingeleuchtet. Und das muss zumindest als Prätention bei jedem ernst zu nehmenden Musikkritiker eine Rolle spielen«, schreibt er — ganz Metallfacharbeiter — im »Nötes Of A Dirty Old Fan« betitelten Vorwort.

Das Buch kann man durchaus als Einstiegsdroge für Menschen sehen, die schon viel Krach gehört haben, aber Schäfer noch nicht kennen. Es versammelt Texte, deren frühe Fassungen teilweise bereits in Zeitungen und Zeitschriften von Rolling Stone bis taz, von NZZ bis Rock Hard erschienen sind. Vieles ist anekdotisch, lässt Fans wie Musiker in genau und mit viel Sympathie beobachteten Momentaufnahmen lebendig werden. Der Autor schafft dabei immer wieder den Spagat zwischen intellektuellem Analytiker und dem Fan, der sich im Schlamm suhlt und mit Dosenbier spritzt.

Da sind die liebenswerten Gestalten, die sich bei der Heavy-Metal-Cruise tummeln: »Metaller sind habituelle Plebejer, auch wenn sie als Gehirnchirurgen arbeiten, und das äußert sich nicht nur in ihrer achselzuckenden Bescheidenheit, sondern auch in ihrer Freundlichkeit gegenüber dem arbeitenden Volk.« Klar, dass solche Menschen gern Wacken zusammen feiern. Wenn es Corona-bedingt kein Festival gibt, dann wird Wacken eben im eigenen Garten nachgebaut.

Schäfer untersucht, warum Black Sabbath die Ursuppe des Metal kochen, warum ein AC/DC-Konzert eine Kampfsportveranstaltung ist. Er schaut — fast ein bisschen melancholisch — auf seine eigene Vergangenheit als aktiver Metal-Gitarrist. Er setzt sich mit den Metamorphosen von Van Halen auseinander und versucht Bruce Dickinsons Autobiografie nicht langweilig zu finden.

Immer wieder blitzt seine Liebe zu Underdogs auf. So feiert er etwa die in einem Hannoveraner Club aus dem letzte Loch pfeifenden Raven mit dem schönen Satz: »Es ist widerlich und schlicht großartig.« Über Tino Troy von Praying Mantis schreibt er. »Der sieht zwar mittlerweile aus wie Gollum — aber in gut. Er schlackert unsinnig mit den dünnen Ärmchen, schneidet ganz liebe Fratzen und freut sich so sehr, noch einmal ›Panic In The Streets‹ spielen zu dürfen.« Wenn du dieses Buch gelesen hast, werter Leser, warst du überall da, wo auch Frank Schäfer war.

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