Layla Zoe

Finsternis und Filigranarbeit

Gemini heißt das aktuelle Doppelalbum der kanadischen Sängerin. Die Zwillinge, die die in jeder Hinsicht große Schmerzensfrau auf der Bühne gebiert, sind keine eineiigen, obgleich sie beide dem Schoß der Bluesgöttin entschlüpft sind, deren Lehrmeister bekanntlich das Leben ist.

Zoe hat diese Stimme, die imstande ist, alle Stürme des Lebens abzubilden und wird deshalb nicht zu Unrecht immer wieder mit Janis Joplin verglichen. Der eine, melancholisch-nachdenkliche Zwilling heißt Fragility, der andere, Courage genannt, geht dahin, wo es weh tut: Er poliert dem Zuhörer stets ohne Umwege auf höchstem Niveau die Fresse. Sie wollte etwas anderes machen, alle Freiheiten nutzen, sagt Zoe — und nimmt sich die unverschämte Freiheit, das gesamte Werk in fast exakt der Reihenfolge live zu präsentieren, wie es aufgenommen wurde. Es ist ein trotziges Bekenntnis zu der einem Album immer noch innewohnenden ganz eigenen Dramaturgie und zugleich der Mut, dem Publikum vollkommen neue Songs vorzusetzen — die Scheibe wurde erst Tage vor dem Konzert veröffentlicht.

Mit bedächtig gesetzten Flageolett-Tönen markiert Gitarrist Jan Laacks die Stimmung für den akustischen Teil, der auch mal die Grenzen des Blues in Richtung Americana verschiebt. Mit ›I Can’t Imagine My Life Without You‹ zollt sie Bob Dylan Tribut, einem ihrer Helden. Und weil es in diesem Konzertteil auch ums Erzählen erlebter Geschichten geht, kommt ›Mumbai‹, der Song über einen Konzerttrip nach Indien, mit seinen flirrenden, geheimnisvollen Gitarrenschlieren doppelt anrührend.

Ein englischer Blogger hat die elektrische Seite des Albumprojekts als „emotionalen Vorschlaghammer“ bezeichnet und liegt damit genau richtig. Die Wut, die Verletzlichkeit, das Aufbäumen gegen die Unbilden der Welt transportiert diese ebenso erschütternde wie erschütterte Stimme so direkt, dass man sich fragt: Ist das echt? Und wenn es echt ist, warum zerreißt es die Frau auf der Bühne nicht unmittelbar? In Jan Laacks steht ihr ein Gitarrist zur Seite, der dort, wo Finsternis gefragt ist, noch mehr Finsternis auffährt.

Das braucht’s, wenn Zoe singt, dass die Zeit eben doch nicht alle Wunden heilt. Dort aber, wo tänzelnde Filigranarbeit gefordert ist, die auch mal einen Sonnenstrahl durchlässt, ist Laacks ebenso präsent. Ob er in ›Weakness‹ mit Riffs groß wie Containerschiffe auf die Zuhörer eindrischt oder im raffiniert arrangierten Funk des Titelsongs ›Gemini‹ feine Netze spinnt: Jederzeit bietet er der Sängerin eine breite Treppe, um ihre Gefühlsgipfel zu erklimmen. Und wenn sich ›Ghost Train‹ unüberhörbar an Hendrix’ ›Crosstown Traffic‹ anlehnt, ist das nur folgerichtig. Es kommt aus derselben Quelle.

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