Spock's Beard

X

Music Theories
VÖ: 2010

Schwindelerregende Rückwärtssaltos

Vier Jahre musste die fanatische Anhängerschar der Neo-Proggies auf neues Futter warten. Die haben sich auf dem vierten Album nach dem Ausstieg ihres kreativen Kopfes Neal Morse wieder auf alte Stärken besonnen und die Einflüsse moderner Rockmusik amerikanischer Prägung auf ein Mindestmaß reduziert. Im Klartext: Die Zeiten kurzer Lieder in übersichtlicher Instrumentierung gehören der Vergangenheit an. X lässt wieder klar die alten Vorbilder Yes, frühe Genesis oder Gentle Giant durchscheinen.

Die opulente Eröffnung mit ›Edge Of The In-Between‹, den gewohnten mehrstimmigen Gesängen, dominierenden Keyboard-Sounds und frenetischen Tempowechseln weist die Richtung, ebenso das zusammen mit Neal Morse entstandene ›The Emperor’s Clothes‹, das am stärksten an die Bärte von früher erinnert. Das treffend betitelte ›Kamikaze‹ bietet Keyboarder Ryo Okumoto Gelegenheit, sein Arbeitsgerät in bester Keith-Emerson-Manier zu malträtieren. Die unterteilte Suite ›From The Darkness‹ variiert beständig Geschwindigkeit und Stimmung, ist schwindelerregend abwechslungsreich arrangiert und enthält in dem quirligen ›On My Own‹ sogar einen fulminanten Ohrwurm. ›The Quiet House‹ ist vertrackt und heavy, während das wiederum sehr melodiöse ›The Man Behind The Curtain‹ die Ouvertüre für den abschließenden, sinfonisch, düster und sehr sperrig angelegten Long-Track ›Jaws Of Heaven‹ bildet.

X macht ganz und gar nicht den Eindruck eines ungewollten Rückwärtssaltos. Im Gegenteil: Die alte Leichtigkeit und Spielfreude ist wieder da, was sich besonders in Okumotos experimentierfreudigen Tastenklängen und Dave Meros beschwingten Basslinien niederschlägt. Drummer Nick D’Virgilio, vorher eher Sänger wider Willen, hat sich mit seiner Rolle als Frontmann prima angefreundet, und Gitarrist Alan Morse nutzt die freigewordenen Räume ein weiteres Mal zu exquisiten Saiten-Exkursionen. Nicht übertrieben: X ist eines der gelungensten Alben der Ami-Truppe. Und das will einiges heißen.

(8/10)
TEXT: MARKUS BARO

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