Metallica
Hardwired...To Self-Destruct
Universal
5
Vielseitig, aufregend und… Metal

Wenn die größte Metal-Band der Welt nach geschlagenen acht Jahren neue Songs veröffentlicht, ist Aufhorchen angesagt. Bereits ihr letztes Album markierte eine grundsätzliche Rückbesinnung auf alte Thrash-Werte — wobei Death Magnetic mit seinen überfrachteten Lied-Strukturen und hektischen Rifforgien auch erhebliche Längen hatte und die großen Songs vermissen ließ. Hardwired…To Self-Destruct macht als zehnte Metallica-Platte zunächst einen ähnlichen Eindruck und spart nicht an langen Stücken mit ausufernden Instrumentalteilen. Lediglich die vorab veröffentliche Single ›Hardwired‹ geht ohne Umschweife zur Sache und bleibt unter fünf Minuten.

Freunde der alten Schule dürfen sich freuen: Hardwired…To Self-Destruct ist rabiater Metal und meistens sogar richtiger Thrash. Einen so aggressiven Rauswerfer wie die letzte Nummer ›Spit Out The Bone‹ gab es von den Kaliforniern jedenfalls lange nicht mehr, und die zweite Single ›Moth Into Flame‹ hätte sich — von dem modern klingenden Refrain abgesehen — schon 1984 auf Ride The Lightning ganz gut gemacht. Aber dabei bleibt es nicht: Auch mittlere Geschwindigkeiten, fette Groove-Riffs und Melodien der Load/Reload-Marke tauchen auf, ebenso Geschmacksnuancen, die man nicht eindeutig den „neuen“ oder den „alten“ Metallica zuordnen kann. Schon das macht die Scheibe vielseitiger und aufregender als Death Magnetic. In Sound und Produktionsstil gleichen sich die Platten, beide klingen hart und recht trocken. Diesmal haben es Metallica aber mit dem Master nicht übertrieben, was Hardwired…To Self-Destruct runder und lebendiger wirken lässt. Allerdings lässt sich nicht verhehlen, dass sich die Band oft verzettelt und mit ständiger Start-Stop-Rhythmik den Fluss ihrer Songs stört: Nicht selten scheint Musikinstitutionen der Größe von Metallica im Studio eine Autorität zu fehlen, die auf die Bremse tritt, wenn die Kreativität aus dem Ruder zu laufen droht. So aufgebläht wie Iron Maidens The Book Of Souls fällt Hardwired…To Self-Destruct zwar nicht aus. Und doch hätten es einige Parts und Riff-Fragmente weniger auch getan — insbesondere der Song ›Confusion‹ heißt nicht nur so.

Lead-Gitarrist Kirk Hammett konnte nichts zum Songwriting beigetragen und Robert Trujillo hat nur einen Credit bekommen für ›ManUnKind‹ mit seinem markanten Bass-Intro. Alleine Schlagzeuger Lars Ulrich und Frontmann James Hetfield haben Stücke für dieses Album komponiert, der nicht selten megafette Black Sabbath-Riffs vom Stapel lässt, die viel Groove bringen. Beste Beispiele dafür sind der Stampfer ›Dream No More‹ mitsamt Ozzy-Gesangslinie und der ganz, ganz dicke Mosh von ›Am I Savage?‹, auf den selbst Tony Iommi stolz wäre. Und dass Metallica schon immer sehr viel Maiden gehört haben, merkt man den Harmonien in ›Atlas, Rise!‹, der dritten Single, deutlich und angenehm an. Richtig groß wird es in ›Now That We’re Dead‹: Wäre dieser Song nicht so lang und mit überbordenden Instrumentalparts gespickt, würde er in die Kategorie „megafetter Midtempo-Radio-Rock mit Hitqualität“ fallen. Man darf an das schwarze Album von 1991 denken, aber auch hier stecken viele Neunziger-Melodien drin. Sogar episch darf es zugehen, etwa in ›Halo On Fire‹, dessen Ende an die seligen Zeiten von ›One‹ und ›Welcome Home (Sanitarium)‹ denken lässt. Mit ›Murder One‹ schließlich zollen Metallica Lemmy Kilmister Tribut durch textliche Referenzen und einen klassischen Motörriff.

Alles in allem lässt sich konstatieren: Die neue Metallica erinnert an Death Magnetic, kann und bietet aber mehr. Die Band spielt nicht auf Nummer Sicher, sie spielt viel und tobt sich aus. Ohne Frage muss man Hardwired…To Self-Destruct öfter hören, um es sich gefügig zu machen. Die Anzahl der klaren Hits hält sich in Grenzen, doch schon die ersten Hördurchgänge machen neugierig auf mehr. Und das ist doch mal ein gutes Zeichen.

Die Songs von Hardwired…To Self-Destruct im Einzelnen:

›Hardwired‹ (03:09)
Das erste Lebenszeichen nach acht Jahren: Harter Thrash, rabiat und direkt auf den Punkt. Hier geht es nicht um den großen harmonischen Refrain, sondern den Schlag ins Gesicht. Die Nummer klingt nicht wirklich nach Kill ‘Em All oder Ride The Lightning, bringt aber eine ähnliche Attitüde rüber. Das Solo allerdings wirkt sonderbar unfertig.

›Atlas, Rise!‹ (06:28)
Die dritte Single, an Halloween veröffentlicht: Flottes Tempo, geradeaus in der Strophe, sonst abgehackt zerrifft und vielen Maiden-Harmonien gespickt. Wie früher üblich, begibt sich der Song nach dem zweiten Refrain in ein „verdammtes anderes Universum“ (Lars Ulrich) — mit jeder Menge Zusatzriffs, Soli und Melodien.

›Now That We’re Dead‹ (06:59)
Das Tempo bleibt verhalten, und die Gitarre gibt den Iommi: Hier wird Druck gemacht, recht modern, recht harmonisch, vor allem in der Bridge mit der Dio-Melodie. Hier regieren die großen Riffs und der griffige Gesang mit leichter Load-Schlagseite. Wieder mit üppigem Instrumentalteil ausgestattet. Hetfield singt: »Now that we are dead my dear, we can be together.«

›Moth Into Flame‹ (05:50)
Bereits veröffentlicht: Thrash wie Ride The Lightning in erwachsen. Der Chorus bietet einen tolle Hookline, die James Hetfield damals so nicht hätte singen können.

›Dream No More‹ (06:29)
Fett im Midtempo, ein Stampfer vor dem Herren, in dessen Strophe man frühe Sabbath raushört.»Cthulu awaken! Wake, dreaming no more« – hier geht’s nicht nur um ein Monster, es klingt auch so.

›Halo On Fire‹ (08:15)
Ziemlich episch, vor allem im Outro, fängt aber zunächst clean und sehr zart an. Dazwischen macht es die Nummer einem nicht leicht, den Überblick über die Riffwalzen zu behalten. »Oh, halo on fire. The midnight knows it well« , singt Hetfield.

›Confusion‹ (06:41)
Schnell und wirr: Thrash Metal mit einer Million Riffs und Parts. Gewöhnungsbedürftig. Der Chorus lautet: »Confusion, all sanity is now beyond me. My life, the war that never ends« . Erinnert stark an Death Magnetic und wirkt zerfahren.

›ManUnKind‹ (06:50)
Der Bass prägt den Anfang mit einer melodischen Figur vom Stile eines ›My Friend Of Misery‹, dazu plänkelt die Clean-Gitarre. Natürlich wird es rasch härter, aber die vielen Starts und Stopps stören den Fluss, den der lange melodische Mittelteil nicht retten kann. Ein paar der abgedrehten Hetfield-Riffs sind bemerkenswert.

›Here Comes Revenge‹ (07:17)
Eine ebenso schräge wie druckvolle Midtempo-Nummer, wieder sehr lang, mit wechselnder Dynamik etwa in der zurückhaltenden Strophe: »He was able, I was Cain«. Viele Riffs, aber weniger Thrash, dafür mit coolem Solo.

›Am I Savage?‹ (06:29)
Klingt anfangs sondersam fröhlich, aber über kurz oder lang kracht es natürlich. Man darf in Sachen Tempo und Riffing gerne an Black Sabbath denken. Markante Zeile: »Am I savage? Scratching at the door. Am I savage? I don’t recognize you anymore.«

›Murder One‹ (05:45)
Die Hommage an Lemmy. Nach Motörhead klingt der Song nur im Haupt-Riff, aber etliche Verse nehmen Bezug auf Herrn Kilmister, etwa »Aces wild, aces high, all the aces Aces till you die« und »Murder all, murder one, gimme murder, second class to none«. Ansonsten: Riffs, Riffs, Riffs. Wird langsam bisschen viel.

›Spit Out The Bone‹ (07:09)
Rasant, heftig, alte Schule: Ein ziemlich böser Thrasher mit verzerrtem Bass. »Long live machine, the future supreme, man overthrown, spit out the bone«, brüllt Hetfield dazu.

ROCKS präsentiert

Sainted Sinners
Sainted Sinners
Free
The Vinyl Collection
The Mute Gods
Tardigrades Will Inherit The Earth
John Scofield
Country For Old Men
Kreator
Gods Of Violence
Chris Robinson Brotherhood
If You Lived Here, You Would Be Home By Now
Quartz
Fear No Evil
The Move
The Move / Shazam
Temple Of The Dog
Temple Of The Dog
Doyle Bramhall II
Rich Man
Mötley Crüe
The End — Live In Los Angeles
Glenn Hughes
Resonate