Accept

Aufhören ist keine Option (Teil 1)

In turbulenten Zeiten veröffentlichen Accept ihr erstes Album ohne Gründungsmitglied Peter Baltes. Auf Too Mean To Die betont Bandmotor Wolf Hoffmann einmal mehr die klassischen Markenzeichen der in den frühen Siebzigern einst in Solingen gegründeten Heavy Metal-Legende.

TEXT: MARTIN RÖMPP |FOTO: PR

Wolf Hoffmann ist ein alter Hase im Geschäft, der schon viele Höhen und Tiefen erlebt hat. Rund 45 Jahre, nachdem der gitarrespielende Teenager gemeinsam mit Sänger Udo Dirkschneider und Bassist Peter Baltes Accept aus der Taufe hob, steht er erstmals alleine in der Verantwortung — und das in Zeiten einer globalen Pandemie, die viele logistische Herausforderungen mit sich bringt. Während etliche Größen neue Musik daher zurückhalten und sogar James Bond die Welt erst nach Covid-19 rettet, lassen sich Accept nicht von ihren Plänen abbringen und veröffentlichen ihr neues Studio-Album im Januar, obwohl die dazugehörigen Konzerte ins Jahr 2022 verschoben werden mussten.

»Ich denke, dass das die richtige Entscheidung war, auch wenn sich alles merkwürdig anfühlt«, bekennt Hoffmann. »Wir haben bisher noch nie eine Platte herausgebracht, ohne danach gleich in den Bus zu steigen. Aber weil sowieso niemand weiß, wann das normale Leben wieder beginnt, wollten wir die Scheibe nicht monatelang Staub ansetzen lassen.«



Ganz bewusst haben sich Accept dazu entschieden, in ihren Texten keinen Bezug zur aktuellen Lage zu nehmen — schließlich haben sie mit dem Blood Of The Nations-Kracher ›Pandemic‹ schon vor einer Dekade den passenden Soundtrack dazu geliefert. »Das hätten wir uns damals auch nicht träumen lassen«, nimmt es der Gitarrist mit Galgenhumor.

»Wir wollten jetzt aber nicht in den Kanon der zu erwartenden Mitfühlsongs einsteigen und haben lieber eine kompromisslose Metal-Platte gemacht. Too Mean To Die kann man alltagssprachlich mit „Unkraut vergeht nicht“ übersetzen, und das ist meiner Meinung nach die richtige Message. Die ganzen Metalfans scharren doch schon lange mit den Hufen und können es kaum erwarten, endlich wieder die Sau rauszulassen — da kommt ein Album, das voll in die Fresse geht, gerade richtig.«



Enttäuschende Sprachlosigkeit

Too Mean To Die ist als erstes Accept-Album ohne die Mitwirkung von Bassist und Songwriter Peter Baltes entstanden, der die Band mit einem kurzen Statement im September 2018 verließ. »Dazu gibt es nicht viel zu sagen«, versucht Hoffmann abzuwiegeln. »Peter hat sich eines Tages dazu entschieden, Knall auf Fall aufzuhören. Das ist supertraurig, aber letztendlich muss ich mit der Tatsache fertigwerden. Keiner wird gezwungen, bei Accept zu bleiben, aber ich dachte immer, wir machen das beide freiwillig und gerne.«

Enttäuscht zeigt sich der Gitarrist darüber, dass sein langjähriger Weggefährte keine persönliche Aussprache gesucht hat. Weil Baltes inzwischen mit den ehemaligen Accept-Mitgliedern Udo Dirkschneider und Stefan Kaufmann als The Old Gang einen Song veröffentlicht hat, bleibt der Blick von außen auf die Trennung unstimmig.



»Das sieht natürlich komisch aus, aber ich sitze da im gleichen Boot wie die Fans und habe nichts zu verheimlichen. Mir hat es wehgetan, dass Peter seine Entscheidung im Internet veröffentlicht hat, anstatt sich mit mir zusammenzusetzen. Wir haben natürlich gemerkt, dass er schon ein, zwei Jahre lang nicht so gut drauf war, aber Peter hatte immer mal wieder Phasen, in denen er mehr oder weniger begeistert bei der Sache war. Deshalb hat mich sein Schritt nicht wirklich überrascht, nur die Art und Weise war für mich enttäuschend.«

Einen Zusammenhang zwischen Baltes’ Ausstieg und der vom Klassik-affinen Hoffmann vorangetriebenen Orchestertour, die den Bassisten immer weiter aus dem Fokus gerückt hat, sieht das letzte verbliebene Gründungsmitglied nicht.

»Schon klar, am Ende ist immer der Hoffmann an allem Schuld«, flüchtet sich der gebürtige Mainzer in Ironie. »Dabei ist es einfach so, dass ich derjenige bin, der nie bei Accept ausgestiegen ist! Alle anderen hatten irgendwann die Schnauze voll, wollten sich neu orientieren, eine eigene Band gründen und der Welt zeigen, was sie wirklich drauf haben — und wenn sich dann am Ende nicht viel bewegt, wird mir auch das wieder in die Schuhe geschoben. Aber was soll’s, ich ziehe das durch und mache weiter. Ich habe eine tolle Band mit einem super Sänger, und das macht mir immer noch richtig Freude.«


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