The Claypool Lennon Delirium

South Of Reality (2018)

Das zweite Album des Claypool Lennon Deliriums ist melodischer und Prog-lastiger geraten als die herausfordernde Space-Rock-Sause des Debüts: Ein herrlich durchgeknalltes Psychedelic-Kunstwerk mit erlesenen Reminiszenzen an die Beatles.

TEXT: DANIEL BÖHM

Sean Lennons Faible für rauschhafte Spätsechziger-Sounds war spätestens auf Midnight Sun (2014) nicht länger zu überhören: Das zweite Album seiner gemeinsam mit Partnerin Charlotte Kemp Muhl geführten The Ghost Of A Saber Tooth Tiger geriet zu einem vergleichsweise modern anmutenden Kleinod britischen Psychedelic-Anstrichs mit Hang zur Syd Barrett-Ära von Pink Floyd.

Längst hat er diese Band gegen eine noch sehr viel verrücktere eingetauscht: Auf einer gemeinsamen Tournee freundete sich Lennon mit Les Claypool an, der ihn mit seiner Begeisterung für die Musik des XTC-Nebenprojekts The Dukes Of Stratosphear ansteckte — das Claypool Lennon Delirium ist seither die Folge.



Auf dem Papier mag die Kollaboration des Bassisten und kreativen Kopfs der Funk-Avantgardisten Primus mit dem 1975 geborenen Spross von John Lennon und Yoko Ono reichlich skurril anmuten. Wie gut sie tatsächlich funktioniert, demonstriert sie auf ihrer jüngst erschienenen dritten Plattenveröffentlichung: South Of Reality ist merklich songorientierter geraten als die herausfordernde Space-Rock-Sause des LP-Erstlings Monolith Of Phobos, auf dem Sean Lennon nun genussvoll seine stimmliche Nähe zu seinem berühmten Vater John ausspielt — und auf ihrem Psychedelic-Kunstwerk viele Reminiszenzen an die Beatles unterbringt.

Fast scheint es, als habe sich Lennon erst in diesem Freak-Verbund von jedem Erwartungsdruck befreien können: Beim Claypool Lennon Delirium hat seine Herkunft durchaus einen festen Platz.

»Mir ist irgendwann klargeworden, dass die Fragen nach meinem Dad sowieso nie aufhören werden«, sagt der Multiinstrumentalist. »Nach meinen ersten Solo-Platten fand ich das alles extrem frustrierend. Die einen wollen alles dazu wissen — die anderen suchen sich deine Geschichte und nehmen sie zum Anlass, deine Musik niederzumachen. So ist das nun mal. Die Leute interessieren sich für meine Erinnerungen an meinen Vater. Ich war fünf, als er starb. Letztlich habe ich angefangen Musik zu machen, weil er nicht da war in meinem Leben. Über die Musik bekam ich das Gefühl, eine Verbindung mit ihm herstellen und ihm nahe sein zu können. Mein gesamtes Verhältnis und meine Liebe zur Musik sind ganz unmittelbar das Resultat aus seinem Fehlen in meinem Leben.«



South Of Reality klingt warm, proggy und spannend und spielt mit verhallten Soundverfremdungen von Bass und Gitarre und allem, was ein Mellotron hergeben kann. Revolver, Magical Mystery Tour, The Beatles haben auf dem Album ebensolche Spuren hinterlassen wie Frank Zappa, Pink Floyd und die Dukes Of Stratosphear.

»Das Album ist schon etwas anders als das erste«, meint Claypool. »Für mich klingt es voller und geordneter, die Melodien und die Instrumentaltexturen kommen viel besser zur Geltung. Sean und ich sind sehr gute Freunde geworden.«

Er lacht. »Erschreckenderweise ticken wir an vielen Punkten ähnlich. Was seine Herkunft angeht: Natürlich kann man sie hören. Nicht nur sein Vater, auch seine Mutter ist mit ihrer Kunst ein hörbarer Teil von Sean. Kinder berühmter Musiker tragen ein echtes Kreuz. Ich erzähle gerne von meinem Sohn, der auch Bassist ist. Die Verbindung zu mir und die ewigen Vergleiche hat er irgendwann nicht mehr ausgehalten und ist aufs Banjo umgestiegen. Das gibt dir eine ungefähre Vorstellung davon, was Sean auf einem ganz anderen Level durchmachen muss. Inzwischen geht er ziemlich souverän damit um — was gerade South Of Reality echt zugute kommt.«


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