David Paich

Puzzeln mit Freunden

Nach Steve Lukather und Joseph Williams hat sich kürzlich auch Totos graue Eminenz David Paich zu einem Solo-Werk hinreißen lassen. Auf dem starken Forgotten Toys lässt der Keyboarder viele prominente Kameraden aufspielen.

TEXT: THOMAS ZIMMER |FOTO: Allesandro Solca

In Wirklichkeit sei es sein erstes Mini-Album, sagt David Paich bescheiden über die Platte mit sieben Songs, die er so eigentlich nie geplant hatte. »Aber bedingt durch die Pandemie konnte niemand mehr Musik machen, außer Leuten, die zu Hause ein Studio haben. Und dazu gehöre ich ja auch«, erzählt Paich. »Als Steve und Joseph an ihren letzten Solo-Dinger arbeiteten, haben sie mich gedrängt, auch endlich mal ein solches Projekt in Angriff zu nehmen. Ich hatte früher geradezu Angst davor. Meine Band kam mir immer vor wie eine Art Schutzraum, das fand ich komfortabel. Letztlich hat es aber deshalb so lange gedauert, weil ich total zufrieden war mit meiner Rolle bei Toto: Songs schreiben, spielen und singen.«



Der Vergleich mit Spielzeugen, die man als Kind ganz hinten im Regal wiederentdeckt und dann neugierig erforscht, was man damit wohl anfangen könnte, gefällt dem Komponisten, Keyboarder und Sänger ausnehmend gut. Schließlich zeigt auch das Albumcover ein solches Sammelsurium. »Da waren Melodien, die in meinem Kopf herumschwirrten. Und ich fragte mich, ob ich die selbst geschrieben oder bloß irgendwann im Radio gehört habe. Ich habe dann mein Archiv durchforstet und einiges gefunden, was ich im Laufe der Zeit aufgenommen hatte. Ich hörte mir das an und stellte fest, dass da immer mehr Teile mit anderen Teilen zusammenpassten. Dann begann die Arbeit mit den Musikerkollegen.«

Zu den Kollegen, die er für Gastbeiträge gewinnen konnte, zählen Don Felder, Steve Jordan, Brian Eno, Ray Parker Jr. und Michael McDonald. Zuvor aber holte er Joseph Williams ins Boot, um das bis zu zwanzig Jahre alte Material zu sichten und zu ordnen. »Unsere Chemie stimmt einfach. Joseph hat die Begabung, Songs richtiggehend zu formen, Passagen zusammenzusetzen. Das war ja wie ein Puzzle. Wir hatten kleine Stückchen und versuchten, daraus Songs zu machen. Joseph hatte beispielsweise den Chorus für ›Willibelongtoyou‹ geschrieben. Ich hatte ein Stück, das perfekt dazu passte, daraus wurden die Strophen. Wir konnten mit Champagner anstoßen!«



Für den Song, der auch gut in Totos Live-Repertoire passen würde, teilten sich Paich und Williams den Gesang. »Die ursprüngliche Idee war, dass ich alles singe. Ich habe allerdings einen ziemlich beschränkten Tonumfang. Da beginnt die Herausforderung, wenn man Melodien schreibt. Sie müssen in der richtigen Tonlage sein, damit ich ein bisschen damit spielen kann. Aber das ist eben begrenzt. Darum war es äußerst hilfreich, einen Leadsänger für die ganz hohen Tonlagen zu haben, dem ich das überlassen konnte. Wie bei ›Africa‹. Da singe ich die Strophen und Bobby Kimball die hohe Stimme.«

Ebenfalls nahe an Toto ist ›Spirit Of The Moonrise‹, ein hochmelodiöser Poprock-Song mit mystischem Flair, der gut auf ein Album der Band aus den achtziger Jahren gepasst hätte. Und seltsamerweise auch ein Gewisses Ghost- und Night Flight Orchestra-Flair nicht verleugnen kann. »Dieses Lied ist inspiriert von einem Traum, den ich öfter hatte«, schmunzelt der Musiker. »Einem Traum von einem Mädchen auf einem Pferd. Ich habe Joseph davon erzählt und er hat dann eine Erzählung daraus gemacht.«




Der Song bekommt zudem eine besondere Atmosphäre durch Paichs kristallklares Hammondorgel-Spiel. Als Keyboarder beschränkt er sich auf Forgotten Toys weitgehend auf die traditionellen Instrumente. »Meine Inspiration war Procol Harum. Als ich 13 war, war ich in London, mein Vater hatte da zu tun. Just zu der Zeit erschien ›A Whiter Shade Of Pale‹. Wir besuchten das Studio, in dem sie ihr erstes Album aufnahmen und ich durfte zuschauen. Gary Brooker am Piano, Matthew Fisher an der Orgel und Robin Trower an der Gitarre. Es war die perfekte Kombination. Ich versuche mich weitgehend an das zu halten, was ich wirklich gut kenne und beherrsche. Und das sind Klavier, Wurlitzer E-Piano und Hammond. Ich bin eben ein bodenständiger Kerl. Klar kann ich auch Synthesizer spielen, aber die überlasse ich lieber Joseph Williams, und in den vergangenen dreißig Jahren hat sich Steve Porcaro bei Toto um all die Synthesizer gekümmert. Die sind auch nicht ganz einfach im Arrangement. Manchmal muss man dann auch sagen: Lösch das wieder, das ist einfach zu viel Musik.«

Am weitesten aus seiner Komfortzone wagt sich Paich mit der Schlussnummer der Platte: ›Lucy‹ ist eine federleichtes jazziges Kabinettstückchen. »Ich wollte ein paar Sachen machen, die nicht unbedingt auf ein Band-Album passen würden«, sagt er. Ursprünglich hatte er den Song für ein gemeinsames Projekt mit Mike Lang geschrieben, einem legendären Pianisten und Filmmusikkomponisten. »Daraus wurde damals nichts Fruchtbares. Wir haben es beiseitegelegt und ich entschied, es für ein Solo-Projekt aufzuheben, denn da steckte vor allem viel von mir drin.«



Das Stück in seiner jetzigen Form ist eine Hommage an Paichs Vater Marty, einen Jazzpianisten. Paich Senior war auch bekannt für seine Arbeit mit dem Sänger Mel Tormé. »Ich wollte diesen Song als Tribut für meinen Vater schreiben und Mike Lang hat mir dabei geholfen, ihn mit einem wunderschönen Pianosolo zu Ende zu bringen. Dann hatte ich noch die Idee, Mel Tormés Sohn James Background und ein bisschen Scat-Gesang machen zu lassen. Genauso hätte es mein Vater wohl mit Mel gemacht. Auf das Stück bin ich wirklich stolz, weil es mich von einer anderen Seite zeigt.«

Eine Seite von David Paich, die seine Fans wohl nicht mehr zu sehen bekommen werden, ist die des tourenden Musikers. »Ich habe angefangen mit Cher, dann ging es weiter mit Seals & Crofts und Boz Scaggs und seit 1978 mit Toto«, sagt der mittlerweile 68-Jährige. »Ich bin wirklich lange genug in Tourbussen durchs Land gefahren. Es ist schon hart genug, wenn man über ein eigenes Flugzeug verfügen kann. Aber mit dem Tourbus unterwegs zu sein, das ist was für junge Leute. Darum haben wir jetzt auch diese jungen Burschen bei Toto, die zudem alle großartige Musiker und Freunde von uns sind. Diese Band ist die beste denkbare Repräsentation der Toto-Musik, die ich mir vorstellen kann.«


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