David Weigel

Progressive Rock — Pomp, Bombast und tausend Takte

Hannibal
VÖ: 2018

Eigenwillige Dressurnummer

David Weigel hat lange für die Washington Post (als politischer Korrespondent) und Magazine wie Esquire und Rolling Stone gearbeitet. Er ist bekennender Progrock-Fan, was man in jeder Zeile dieses Buches spürt. Wer allerdings dem Klappentext glaubt, Weigel zeichne ein »stimmiges, spannendes Bild dieser Musikrichtung« oder erzähle gar die »ganze Geschichte des Prog« (New York Times), der fühlt sich nach der Lektüre betrogen. Seine Erzählung kreist — in unterschiedlicher Dosierung — immer wieder um die offensichtlich von ihm favorisierten Protagonisten King Crimson, Emerson, Lake & Palmer, Yes, Genesis, Soft Machine und Van der Graaf Generator. Deren Bandgeschichten erzählt er collagenartig ineinander verschränkt, was zwar etwas verwirrend ist, aber zumindest ein musikalisches Sittengemälde der Aufbruchszeit des Genres bietet. Dessen Niedergang gegen Ende der siebziger Jahre wird zwar beschrieben, aber nicht wirklich erklärt; durch die in den Achtzigern mit Marillion einsetzende Neo-Prog-Begeisterung hetzt der Autor im Saugalopp. Nun lässt sich trefflich streiten, was eigentlich zum Genre Prog-Rock gehört, aber dass Weigel Pink Floyd nur streift und die gerade in England hochangesehenen deutschen Bands von Can bis Faust kaum eines Blickes würdigt, erscheint dann doch etwas seltsam. Auf der anderen Seite ist das Buch eine Fleißarbeit voller Zitate und Anekdoten, die sicher schöne Diskussionsanlässe für Prog-Nerds abgeben. So etwa wird der einstige King Crimson-Sänger Gordon Haskell mit dem Satz zitiert: »King Crimsons Waffe ist musikalischer Faschismus, gemacht von Faschisten, entworfen von Faschisten, um zu entmenschlichen, um der Menschheit ihre Würde und ihre Seele zu rauben.« Eine wahre Fundgrube sind die Zitate aus vernichtenden Kritiken journalistischer Prog-Hasser, die ihre schillernde Ahnungslosigkeit unter Beweis stellen. »Jethro Tull glauben eventuell, dass sie Kunst produzieren, was etwas ist, was im zwanzigsten Jahrhundert nicht gebraucht wird«, schrieb etwa Dave Marsh. Die Beschreibungen der musikalischen Höchstleistungen des Genres geraten gelegentlich fast unfreiwillig komisch, wenn jedes Stück in epischer Breite auf seine Kompliziertheit hin untersucht wird und der Leser seitenlang lesen muss, was er eh schon hört, so er ein offenes Ohr hat. Richtig ärgerlich aber ist die holprige Übersetzung. Wenn dann noch Marillions ›Warm Wet Circles‹ zu ›Warm Wet Circus‹ wird, mag man sich die dort zu bewundernden Dressurnummern gar nicht vorstellen.

Keine Wertung

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