Dream Theater

The Astonishing

Warner
VÖ: 2016

Es wäre verdammt einfach, die New Yorker für ihr geradezu cineastisch ausgefallenes Konzept-Doppelalbum The Astonishing mit Hohn und Spott zu überschütten. Bereits die Story bietet schließlich einiges an Angriffsfläche: Angesiedelt ist sie weit in der Zukunft im Jahr 2285, wo die unterjochte Menschheit in einer Art mittelalterlichem Feudalsystem ihr Dasein fristet. Musik kennt sie nicht — bis ein Auserwählter eben diese zurückbringt und damit einen Aufstand gegen die Herrscher des fiktiven Reiches lostritt.

Und ja, das klingt wie eine zusammengeklaute Mischung aus 2112 (Rush), Kilroy Was Here (Styx) und Jesus Christ Superstar. Mit Andrew Lloyd Webbers Musical hat The Astonishing dann auch die stilistische Ausrichtung gemein: Progressive-Metal spielen Dream Theater im Laufe der 130 Minuten dieses sehr ambitionierten Werks nämlich nur selten. Stattdessen kann man das Album guten Gewissens als Rockoper bezeichnen, die vor Pathos, Bombast und lieblichen Melodien nur so strotzt. Obwohl John Petrucci das Konzept ersonnen hat, rückt seine Gitarre zugunsten wohltemperierter Klavierakkorde von Jordan Rudess und aufwändiger orchestraler Arrangements häufig in den Hintergrund.

Aber hier liegt eben auch der Reiz: Zum ersten Mal seit über einer Dekade (genau genommen seit Train Of Thought von 2003) fordern Dream Theater sich selbst und ihre Anhänger wieder mit einem echten kreativen Wagnis heraus, nachdem ihre letzten Platten bei aller Qualität doch sehr vorhersehbar und formelhaft geraten waren. Noch erfreulicher: Unter den 34 Stücken verstecken sich etliche sehr gelungene Dream Theater-Lieder, die hart, knackig-kompakt und dabei erfrischend eingängig ausfallen: Das ausgelassen tänzelnde ›Our New World‹, ›The Gift Of Music‹, ›Three Days‹ und ›Moment Of Betrayal‹ sind nur einige unter vielen. Ein paar balladenhafte, von James LaBrie arg schmachtend vorgetragene Passagen weniger hätten es aber freilich sein dürfen.

(7.5/10)

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