Gov't Mule

Heavy Load Blues

Concord
VÖ: 2022

Der Esel hat den Blues

Auch wenn sie ihn nicht selten vergleichsweise heavy interpretieren: Blues war schon immer eine tragende Säule im Sound von Gov’t Mule. Dass die Amerikaner nun ein explizites Blues-Album ankündigten, verwundert deshalb einigermaßen. Selbst Sänger und Gitarrist Warren Haynes haderte zunächst, ob Heavy Load Blues als ein mit seinen Mule-Kollegen Jorgen Carlsson (Bass), Danny Louis (Orgel) und Matt Abts (Schlagzeug) eingespieltes Solo-Album am Ende nicht besser funktionieren würde. Dasselbe Gedankenspiel ließe sich allerdings auch in entgegengesetzter Richtung anstellen — immerhin sind auf Heavy Load Blues ausreichend viele (Jam-)Nummern vertreten, die dem fantastischen letzten Mule-Werk Revolution Comes… Revolution Goes (2017) verhältnismäßig nahestehen.

Nicht jedoch zu Beginn. ›Blues Before Sunrise‹ öffnet die Tore zu dieser live aufgenommenen Platte, ein schwungvoller Jump-Blues im klassischen Chicago-Stil, den die Stones auf Blue & Lonesome nicht besser hinbekommen hätten. Im Original stammt er von Leroy Carr aus den dreißiger Jahren, für Mule wichtiger aber waren die Aufnahmen, die später Elmore James der Nachwelt hinterließ. ›Hole In My Soul‹ ist ein entspanntes Haynes-Original und einer der deutlichsten Aspiranten für ein Solo-Album. Darin gibt es Bläser, warme Orgel und B.B. King-Sounds — dennoch ist das folgende ›Wake Up Dead‹ erheblich spannender geraten, in dem ganz unverkennbar Gov’t Mule mit pumpendem Bass und tollen Improvisationen von Orgel und Gitarre in ihrem kleinen Studio-Raum den Bluesrock jammen.

›Love Is A Mean Old World‹ ist eine Mule-Nummer mit schleppendem Beat, die sich im Kern zwischen Revolution Comes… und By A Thread (2009) verorten ließe, klänge sie nicht so archaisch und swampig mit ihren schweren Slide-Licks und dem sehr lebendig klimperndem Klavier. Auch ›Snatch It Back And Hold It — Hold It Back — Snatch It Back And Hold It‹ gefällt: eine erstklassige Adaption von Junior Wells und Buddy Guy, die durch den sexy-Mule-Jam ›Hold It Back‹ fulminant unterbrochen wird. Unbedingt empfehlenswert ist zudem ›Feel Like Breaking Up Somebody’s Home‹ (Ann Peebles), das schon seit Jahren immer wieder im Live-Set auftaucht und nun auch auf Platte seinen verwegenen und funkigen Esel-Groove wogen darf: Mehr Gov’t Mule geht selbst im neunminütige Heavy-Blues ›I Asked Her For Water (She Gave Me Gasoline)‹ von Howlin’ Wolf) nicht — Orgelschübe, Clavinett-Tanz und Basszauber inklusive.

›Ain’t No Love In The Heart Of The City‹ (Bobby Bland) lebt von dem ungewöhnlich luftig-lässigen Groove von Schlagzeug und Bass und davon, wie hörbar Danny Louis seine Orgelregister zieht. Und ›If Heartaches Were Nickels‹ schmeichelt als angenehmer Slow-Blues, den Warren Haynes ursprünglich Kenny Neal für Hoodoo Moon (1994) überließ; Joe Bonamassa nahm das Stück sechs Jahre später für A New Day Yesterday auf. Das Goldstück dieser Platte aber ist ›Make It Rain‹: Einfach enorm, wie Gov’t Mule dieses schroff-zerraspelte Stück von Tom Waits (Real Gone) zu eigenem Repertoire umformen und mit Intensität aufladen.

(8/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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