Inglorious

Ein Denkmal für die Frauen

Die Pandemie hat zuweilen arg willkürlich zusammengestellte Coveralben geboren. Diesen Vorwurf müssen sich Inglorious nicht gefallen lassen: Heroine ist eine konzeptuelle Verneigung vor großen Sängerinnen.

TEXT: MARKUS BARO

Für seine Idee, ein die Pandemie überbrückendes Album mit adaptierten Stücken auf diese Weise zu etwas Besonderem zu machen, musste Nathan James im Vorfeld kämpfen. »Meine Plattenfirma hätte auf der Scheibe viel lieber Lieder von Guns N’ Roses, Bon Jovi und Whitesnake gehabt«, seufzt der Sänger. »Ich musste mich ziemlich auf die Hinterbeine stellen, um sie zu überzeugen. Das wäre für mich überhaupt nicht in Frage gekommen.«

Der auf einer Farm bei Reading lebende Hobby-Landwirt, der während des Interviews mal eben eine seiner Ziegen aus einer misslichen Lage befreit, setzt auf Heroine allein seinen weiblichen Gesangsidolen ein Denkmal. Ähnliches habe laut seiner Kenntnis nur Tori Amos mit Strange Little Girls gewagt, wobei die amerikanische Sängerin ausschließlich Songs männlicher Kollegen bearbeitet hatte.

»Frauen haben der Rockmusik unendlich viel gegeben. Ich bin ein totaler Fan von Tina Turner oder Janis Joplin und stehe auch auf die Musik von Christina Aguilera oder Lizzy Hale von Halestorm — ruckzuck hatte ich über vierzig Namen zusammen, die für ein solches Album infrage kommen würden. Auch Beth Hart war darunter, von der ich gerne ›Heroine‹  gesungen hätte, das unserer Platte den Titel gab. Aus Platzgründen habe ich es aber für einen möglichen zweiten Teil aufgespart.«



Die Initialzündung für Heroine geht auf den Alanis Morissette-Hit ›Uninvited‹ zurück, den Inglorious, an sich waschechte Hardrocker, bereits in ihrem Konzert-Programm führten, bevor sie im vergangenen Jahr in neuer Besetzung ihr viertes Album We Will Ride einspielten.

»Wir haben viele E-Mails bekommen, in denen die Leute förmlich darum gebettelt haben, dass wir das Stück doch für die nächste Scheibe aufnehmen. Das Lied war sozusagen erste Wahl.« Die weitere Liederauswahl habe sich wie von selbst diktiert, so James, der für Heroine liebgewonnene und auch einige längst vergessene Perlen ans Tageslicht befördert hat.



»Songs von Joan Jett und Cindy Lauper waren gesetzt, weil ich die beiden einfach liebe. ›Nutbush City Limits‹ von Tina Turner mag etwas abgegriffen sein, aber es war eins meiner frühesten Lieblingslieder überhaupt und hat meine Liebe für Rockmusik mit entfacht. Wobei es an der unübertrefflichen Live-Fassung von Bob Seger eigentlich kein Vorbei gibt. ›Midnight Sky‹ von Miley Cyrus ist der Song, den ich gerne für Inglorious geschrieben hätte, und von Heart hätte ich so viele Klassiker zur Auswahl gehabt, dass ich damit ein eigenes Album hätte füllen können. Manche Lieder haben mir gesanglich tatsächlich viel abverlangt, ›I’m With You‹ von Avril Lavigne etwa, weil sie streckenweise sehr leise singt und das nicht gerade zu meinen Stärken zählt.«

Die eigenständige Interpretation dafür umso mehr. Wer hätte damit gerechnet, dass ausgerechnet ›Queen Of The Night‹ aus dem Bodyguard-Soundtrack ungeahnte Rock’n’Roll-Qualitäten entwickeln würde? »›I Will Always Love You‹ wollte ich dann doch nicht singen«, lacht der 32-Jährige. »Der Vibe von ›Queen Of The Night‹ erinnert mich etwas an die frühen Extreme und hat natürlich auch viel von Whitesnake. Aber es ist ein Whitney Houston-Stück mit Gitarrensolo — wie hätte ich da widerstehen können?«

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