Kansas

Leftoverture (1976)

Als sich im Amerika der Siebziger komplexer Progressive Rock mit AOR vereint und dieser immer bombastischer wird, erheben Kansas den neuen Pomp-Rock zur Kunst. Leftoverture macht sie 1976 schlagartig berühmt.

TEXT: DANIEL BÖHM

Dabei stehen Kansas mit dem Rücken zur Wand, als sie Anfang 1976 mit den Aufnahmen ihrer vierten LP beginnen. Obwohl die Gruppe mit ihren ersten Scheiben dazu beitragen konnte, das von britischen Formationen dominierte Genre des Progressive Rock auch in den USA salonfähig zu machen, treten sie auf der Stelle: Masque hat es 1975 auf Rang 70 der Verkaufscharts geschafft — 13 Plätze schlechter als das wenige Monate vorher erschienene Song For America.

In den Büros ihrer Plattenfirma wächst der Unmut. »Wir waren ständig auf Tour und wurden langsam, aber sicher bekannter. So etwas wie ein Hit ist uns allerdings nicht vergönnt gewesen«, erzählt Gitarrist Rich Williams. »Wir haben gespürt, dass unser Label die Geduld mit uns verliert. Es war klar, dass wir nicht mehr viele Chancen bekommen würden.«



Ähnlich wie ihre kanadischen Kollegen Rush, die nach der enttäuschenden Resonanz auf ihr drittes Album Caress Of Steel das Ruder mit 2112 schließlichdoch noch mit einem heftigen Ruck herumreißen, gelingt auch Kansas im vierten Anlauf der kreative Befreiungsschlag: Mit ihrem eigenen Entwurf des Progressive Rock, der bei aller Komplexität stark melodiebetont und voluminös bleibt und sich vor allem dem harten Rock der Siebziger verbunden zeigt, wachsen Kansas über sich hinaus.

Da Kerry Livgren (Gitarre und Keyboards) aufgrund einer Schreibblockade ihres Sängers Steve Walshs fast für das komplette Material verantwortlich zeichnet, wirkt Leftoverture homogener als die Scheiben zuvor; zudem fallen die Kompositionen straffer und zugänglicher aus, ohne an Atmosphäre und Vielschichtigkeit einzubüßen.



Sie formen ein zeitloses, kunstfertiges Meisterwerk, das zudem die herbeigesehnte Hit-Single liefert: ›Carry On Wayward Son‹ stürmt die Hitparaden.

Stücke wie das feierliche, mit heiligem Ernst vorgetragene ›The Wall‹, ›Miracles Out Of Nowhere‹ und ›Cheyenne Anthem‹ tragen kaum weniger dazu bei, dass Leftoverture zum bedeutendsten Album ihrer Karriere wird — das überwiegend instrumentale ›Magnum Opus‹ kann prog-empfindlichen Zeitgenossen auch heute noch gründlich den Tag vermiesen.

»In kreativer Hinsicht haben wir aus allen Rohren gefeuert«, sagt Kerry Livgren, der damalige Gitarrist, Keyboarder und Hauptsongschreiber. »Wir haben bei den nachfolgenden Platten versucht, dieselbe Magie noch einmal einzufangen. Es ist uns nie wieder ganz gelungen.«


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