Leonard Cohen

21. September 1934 — 07. November 2016

Im Laufe der letzten Jahre war seine Stimme beständig in immer tiefere Gefilde hinabgesunken. Nun ist sie gar nicht mehr zu hören: Am 7. November 2016 starb Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren in Los Angeles.

TEXT: AMIR SHAHEEN

Im Laufe der letzten Jahre war seine Stimme beständig in immer tiefere Gefilde hinabgesunken. Nun ist sie gar nicht mehr zu hören: Am 7. November 2016 starb Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren in Los Angeles.

You Want It Darker heißt sein erst kürzlich erschienenes neues Album. Auf der Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung im Oktober soll er noch gescherzt haben, er beabsichtige ewig zu leben, mindestens 120 Jahre alt wolle er werden. Zumindest das erste war ihm bereits zu Lebzeiten gelungen.

Allerdings mit Verzögerung. Als 1984 nach fünfjähriger Albumpause seine siebte LP Various Positions erschien, galt der am 21. September 1934 in Montreal geboren Leonard Cohen bereits als Fossil und war nicht gerade angesagt. Auch das darauf enthaltene ›Hallelujah‹ wurde kaum registriert. Heute gilt das Lied als Allgemeingut und Popkultur und ist eins der am häufigsten gecoverten Stücke der Welt: Künstler wie John Cale, Jeff Buckley, dessen Version lange als die bekannteste galt, so dass er irrtümlich als Urheber angesehen wurde, Cohens Weggefährte Bob Dylan, aber auch Rocker wie Bon Jovi und Axel Rudi Pell haben nach und nach die unwiderstehliche Magie der Melodie entdeckt. Der Song — oder ist es ein Gebet? — führt seit langem ein Eigenleben neben dem seines Schöpfers.

Dieser war eigentlich gar kein Musiker. Anders als Bob Dylan hat er sich immer als Dichter verstanden und für sein literarisches Werk Auszeichnungen erhalten. Er schrieb und veröffentlichte Gedichte und Romane — sein erster The Favourite Game (dt. Das Lieblingsspiel, 1972) erschien 1963 —, fand aber tatsächlich mit vertonter Lyrik und akustischer Gitarre weit mehr Beachtung.

Gleich sein erstes Album Songs Of Leonard Cohen (1967) enthält etliche seiner Klassiker, wie ›Suzanne‹ (ursprünglich ein Gedicht, wurde der Song zunächst von Judy Collins als Single veröffentlicht) und ›So Long, Marianne‹. Nicht schlecht für jemanden, der behauptete, zufällig drei Akkorde auf der Gitarre gelernt und Zeitlebens keinen weiteren beherrscht zu haben.

Das Understatement gehörte zu Cohen wie sein besonderer Humor, seine Anzüge und in jüngster Zeit der Hut, die Suche nach Identität und spiritueller Heimat, die Liebe zu den Frauen und der Kampf gegen seine Dämonen, die Depressionen, die ihn zu Alkohol und Drogen trieben. Sowie auf die griechische Insel Hydra, seinen Kraft- und Rückzugsort, und letztlich in ein buddhistisches Kloster in den Bergen über Los Angeles.

1996 als buddhistischer Zen-Mönch ordiniert, verbrachte der kanadische Jude Cohen dort mehrere Jahre, um — laut eigener Aussage — zu erkennen, dass er nicht zur Religion tauge und kein wirklich religiöser Mensch sei. Aber da hat er sich was vorgemacht, seine Texte hatten ihn längst widerlegt.

Letztlich ist es seiner Managerin Kelley Lynch zu danken, die beinahe sein gesamtes Vermögen veruntreut hatte, dass der Siebzigjährige 2008 sein erstes Konzert seit 1993 spielte und in der Folge mehrfach die Welt betourte und drei weitere Studioalben aufnahm. Alles hat sein Gutes. »There’s a crack in everything, that’s how the light gets in«, überall gibt es einen Riss, durch den das Licht hereinfällt, singt Cohen in ›Anthem‹. Seins ist nun erloschen. Sein Werk aber wird weiter leuchten.

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