Marillion

Misplaced Childhood

Parlophone
VÖ: 2018

Ein Foto im Begleitheft zeigt die ehemaligen und aktuellen Mitglieder der Neo-Prog-Rock-Institution lächelnd vereint — als hätte sie ihr 1985 erschienenes Drittwerk fürs Leben zusammengeschweißt. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Nach dem vorangegangenen Fugazi stehen Marillion wegen rückläufiger Verkäufe massiv unter Druck, weshalb sie mit dem in Berlin aufgenommenen Misplaced Childhood alles auf eine Karte setzen. Ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren, gelingt ihnen darauf ein bemerkenswert unangestrengter Spagat zwischen Art-Rock-Komplexität und Massentauglichkeit, den Themen wie der Verlust der Kindheit, die Zerbrechlichkeit von Beziehungen und der schale Reiz des flüchtigen Ruhms textlich verbinden.

Auch wenn ihnen im unbeabsichtigten Pop-Song ›Kayleigh‹ einer der großen massenbewegenden Hits der Achtziger gelingt, das der schottischen Heimat von Sänger Fish gewidmete ›Heart Of Lothian‹, das munter pulsierende ›Waterhole‹ oder die verschachtelte ›Bitter Suite‹ sind komplex genug, um die alte Anhängerschaft zu befriedigen. Differenzen zwischen dem Sänger und dem Rest der Band kommen jedoch immer öfter zum Ausbruch, und nach dem ebenbürtigen Nachfolger Clutching At Straws gehen Marillion und ihr Frontmann getrennte Wege. Misplaced Childhood hält bis heute eine Ausnahmestellung in ihrem Schaffen und hat die nun offerierte Vollbedienung auf fünf Silberlingen redlich verdient. Neben dem kristallklaren Remaster von 2017, Single-B-Seiten, Demos und Remixen von Steven Wilson bietet ein Komplettmitschnitt aus dem holländischen Utrecht in bester Tonqualität den größten Mehrwert. Hier beweist die extrem spielfreudige Truppe vor enthusiastischem Publikum, dass sie an guten Tagen ordentlich Stimmung in die Bude zaubern konnte. Ein sechzigseitiges Booklet mit Fotos und ausführlichen Begleittexten rollt zudem die Entstehungsgeschichte dieses Neo-Prog-Meilensteins minutiös auf.

(9/10)
TEXT: MARKUS BARO

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