Mavis Staples

Live: Hope At The Hideout (2008)

Als Mavis Staples ihren ersten Konzertmitschnitt veröffentlicht, blickt die große Soulsängerin auf 57 Karrierejahre zurück. Live: Hope At The Hideout hat jede Menge Biss — und wirkt bis in den Vintage-Rock.

TEXT: DANIEL BÖHM

Ihr erstes Live-Album veröffentlicht sie im November 2008 an dem Tag, als Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wird: Live: Hope At The Hideout ist ein vibrierender Konzertmitschnitt aus dem Hideout Inn in Chicago, in dem die Hoffnung auf einen greifbaren gesellschaftlichen Wandel, Kampfgeist und Demut gleichermaßen Funken sprühen.

Genial ist die Band, mit der sich die Sängerin und ihre im Chor singende Schwester Yvonne umgeben: Rick Holmstroms bissig zuschnappende Telecaster hat jede Menge Urwuchs, Jeff Turmes’ Bass unerhört Punch und infektiösen Groove, den Stephen Hodges am Schlagzeug verstärkt, abklingen lässt und immer wieder neu anfacht. Nur wenige Jahre später im florierenden Vintage-Rock wäre dieses tighte Ensemble wohl ganz anders empfangen worden.


Staples mag mit ihren damals 69 Jahren in tiefere Stimmregister gerutscht sein — der Wirkung, der immensen Entschlossenheit und Durchsetzungskraft ihrer vollen, warmen, manchmal auch hinreißend kratzigen Power-Stimme hat dies ganz und gar nicht geschadet. Wie heiß und infektiös das alles ist, offenbart sich nicht erst im zur Tremolo-Gitarre und hüpfendem Bass vorgetragenen frühen Staple Sisters-Gospel ›Will The Circle Be Unbroken?‹, in dem sich Staples regelrecht in Rage singt. Es geht gleich los im Eröffnungsstück ›For What It’s Worth‹ (Buffalo Springfield) und den harschen Bearbeitungen der Traditionals ›Eyes On The Prize‹ und ›Down In Mississippi‹ (beide auf We’ll Never Turn Back), in der sich Holmstrom ordentlich in Stellung bringt.



Und ganz speziell in ›Wade In The Water‹: Wen diese ganz verwegen an Klimax aufbauende Groove-Nummer (ursprünglich auch ein Traditional) mit einer sich förmlich zerreißenden Mavis Staples am vorderen Bühnenrand unberührt lässt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Für den großen Staples Singers-Klassiker benötigt Mavis dann lediglich eine dezente, den Basslauf rhythmisch aufgreifende Gitarre und das klatschende und mitsingende Publikum — es geht von jetzt auf gleich zum Siedepunkt. Ein umwerfendes Live-Album, ohne das eine Band wie Vintage Trouble kaum in den Schlaf gefunden haben dürfte.


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