Metal Church

XI

Nuclear Blast
VÖ: 2016

Es wächst und wächst

Als Mike Howe im Sommer 2013 nach rund zwei Jahrzehnten erstmals wieder ein exklusives Interview gibt, wettet kaum jemand auf eine Rückkehr des Sängers zu Metal Church — am allerwenigsten er selbst: Zu lebendig und viel zu schlecht sind seine Erinnerungen an Differenzen mit Management und Plattenfirma, die ihn Mitte der Neunziger zu seinem Rückzug aus dem Rampenlicht bewegt haben.

Als ihr zwischenzeitlicher Frontmann Ronnie Munroe nach vier Alben im September 2014 seinen Dienst quittiert, geht dann plötzlich alles ganz schnell. Es wäre maßlos untertrieben zu behaupten, dieser ersten gemeinsamen neuen Platte seit Hanging In The Balance (1993) wäre entgegengefiebert worden. Nichts anderes als ein Überwerk wurde im Rausch der Euphorie erwartet — zumal schon das letzte Munroe-Album Generation Nothing (2013) überraschend stark ausfiel und gleich mehrere Stücke in petto hatte, die man sich zu gut auch mit Mike Howe als Sänger hätte verstellen können.

Dass XI eine solche Erwartungshaltung nur sehr schwer würde erfüllen können, war vorhersehbar. Und tatsächlich ist bereits kurz nach der Präsentation der ersten Songs eine Welle des Geknatsches durchs Internet geschwappt, die diesem Album schlicht und ergreifend nicht gerecht wird. Wer sich etwas Zeit nimmt und bereit ist, sich mit der Erkenntnis anzufreunden, dass The Human Factor (1991) und eben Hanging In The Balance auch weiterhin die übermächtigen Bandklassiker bleiben, wird viel Freude an XI haben, auf dem unverkennbar Metal Church zu hören sind.

Den für sie typischsten Feger haben Howe, die Gitarristen Kurdt Vanderhoof und Gitarrist Rick Van Zandt, Bassist Steve Unger und Schlagzeuger Jeff Plate ganz an den Schluss der Platte gestellt: ›Suffer Fools‹ wäre trotz des etwas kratzigeren Gesangs und des zeitgenössischen Produktionssounds auch auf The Human Factor nicht deplatziert gewesen und auch ›Killing Your Time‹, ›Soul Eating Machine‹ und ›It Waits‹ entfalten sich mit jedem Hördurchgang mehr. Der mit Abstand größte Grower dieser Platte ist allerdings ›Signal Path‹: Ein richtig charmanter Siebenminüter, der zwar nicht mit Hochdruck aber dafür sehr nachdrücklich auf den Punkt bringt, weshalb diese Band mit diesem Sänger etwas ganz Besonderes ist.

(8/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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