Opeth

In Cauda Venenum

Nuclear Blast
VÖ: 2019

Die wahren Progressiven

»Für uns bedeutet Heavyness nicht einfach tiefer gestimmte Gitarren und geschriener Gesang.« So macht Mikael Åkerfeldt klar, was Opeth im Jahr 2019 nicht sind. Recht hat er. Auch mit In Cauda Venenum darf man seine Band noch in die Sparte Metal einordnen, aber die Härte kommt aus dem komplexen, massiven Gesamtsound, der naturbelassen und nicht künstlich aufgepimpt ist. Was das Progressive angeht: Seit Heritage gräbt die Band tief in den Klangwelten des Prog Rock der siebziger Jahre, ohne dabei retro zu klingen. Die Musik wirkt modern — weil die Musiker nicht so spielen, wie man es anno 1970 getan hätte.

Auch auf dem aktuellen Album strecken sie ihre Fühler immer wieder in bislang unbespieltes Terrain aus, wie exemplarisch in ›The Garroter‹ vorgeführt wird: Mehr Jazz im Prog Metal war selten. ›Heart in Hand‹ ist das gerade Gegenteil: galoppierende Bass-Gitarren-Verwicklungen, hypermotiviertes Drumming. Eine pulsierende und doch sehr menschliche Maschinerie, wie auch ›Carlatan‹. ›Dignity‹ lebt von harschen laut-leise Kontrasten, und findet am Ende Erlösung in der archaischen Brüll-Orgel. Immer wieder nehmen die Songs überraschende Wendungen, etwa durch den Einsatz akustischer Gitarren oder originelle Orchestrierung — allerdings ohne Pathos-Faktor. Allenfalls ›Lovelorn Crime‹ hat einen Refrain, den man schwelgerisch nennen könnte. In weiten Teilen aber zieht dieses Album Harmoniesüchtigen konsequent den Boden unter den Füssen weg. Der Eindruck verstärkt sich in der schwedischen Version des Albums noch einmal, da Åkerfeldts Muttersprache in diesem musikalischen Kontext sperriger wirkt als das Englische.

(8.5/10)

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