Ozzy Osbourne

Tagebuch eines Verrückten

Diary Of A Madman erschien am 7. November 1981. Die überzeichnete Horror-Ästhetik von Hammer Film Productions stand Pate für die Gestaltung der Plattenhülle von Ozzy Osbournes zweitem Solo-Streich, erzählt der verantwortliche Grafiker Steve „Krusher“ Joule.

TEXT: DANIEL BÖHM

Am 24. März 1981 verlassen Ozzy Osbourne, Gitarrist Randy Rhoads, Bassist Bob Daisley und Schlagzeuger Lee Kerslake das Aufnahmestudio der Ridge Farm in der zufriedenen Gewissheit, ein Album aufgenommen zu haben, das ihrem Debüt Blizzard Of Ozz (1980) in vielerlei Hinsicht überlegen sein würde. Sechs Wochen benötigten sie für die Einspielungen von Diary Of A Madman.

Der Höhepunkt dieses um Klassiker nicht verlegenen Albums ist das atmosphärische Titelstück mit seinen vielen Takt- und verschlungenen Partwechseln sowie den von Lou Clark als Arrangeur des Electric Light Orchestra erdachten Orchester- und Choraufbauten, an denen Jahre später auch ein Gruselmeister wie King Diamond seine dunkle Freude gehabt haben dürfte.

»Randy hatte eine ganze Weile an diesem klassischen Gitarrenstück herumgedoktert, das wir in ›Diary Of A Madman‹ eingebaut haben«, erzählt Bob Daisley. »Dass er sich dabei von der ›Etude No. 6‹ des Klassik-Gitarristen Leo Brouwer hat inspirieren lassen, habe ich erst viele Jahre später mitbekommen. Es gibt schon recht deutliche Parallelen zwischen beiden Stücken. ›Diary Of A Madman‹ ist ganz sicher kein gewöhnlicher Rock- oder Metal-Song. Ozzy hat sich immer wieder in der Nummer verloren und wusste nicht, wann und vor allem was er zu dieser Musik singen sollte, und schimpfte: Was glaubt ihr eigentlich, wer ich bin? Fucking Frank Zappa?«



Diary Of A Madman erscheint am 7. November 1981 und kann den Erfolg von Blizzard Of Ozz mühelos wiederholen. Dass auf dem Foto der Plattenhülle Bassist Rudy Sarzo und Schlagzeuger Tommy Aldridge zu sehen sind, überrascht Bob Daisley kein bisschen, als er später ein Exemplar der LP in die Hände bekommt — längst hatte Managerin Sharon Arden die Band ihres baldigen Göttergatten umbauen und nicht nur ihn aus der Rhythmusgruppe entfernen lassen.

Dass aber die tatsächlich auf Diary Of A Madman zu hörenden Musiker und Komponisten nicht mal im Kleingedruckten namentlich erwähnt werden, ist für ihn ein Schlag ins Gesicht, der jahrzehntelange Rechtsstreitigkeiten um nachzuzahlende Tantiemen in Gang setzt. Die Konsequenz: Mehr als zwanzig Jahre später werden die Tonspuren von Blizzard Of Ozz und Diary Of A Madman gelöscht und 2002 von Bassist Robert Trujillo (Metallica) und Schlagzeuger Mike Bordin (Faith No More) neu aufgenommen.



Mit der Gestaltung der Plattenhülle war zunächst der Fotograf Fin Costello betraut, der in den Jahren zuvor Größen wie Deep Purple, AC/DC, Kiss und Rush ikonisch abgelichtet hatte. Doch erst mit dem hinzugerufenen Grafiker Steve „Krusher“ Joule nahm das Cover Form und Gestalt an.

»So einen Auftrag lehnt man nicht ab — erst recht nicht, wenn er von jemandem wie Fin Costello kommt«, schwärmt Krusher. »Außerdem waren Black Sabbath der Grund, weshalb ich unbedingt im Rock-Business arbeiten wollte. Als Ozzy solo weitermachte, hat mich das sehr beeindruckt. Es gab diese vielen verrückten Geschichten, die man sich über ihn erzählte. Immer wieder hieß es, dass dieser durchgeknallte Junkie und Alkoholiker dermaßen außer Kontrolle wäre, dass er nicht mehr lange zu leben hätte. Schon Blizzard Of Ozz war ein ziemlich geniales Album und mir war sofort bewusst, dass mir das Privileg zuteil wurde, an etwas ganz Großem mitzuwirken.«

Für das Konzept trugen die beiden Kreativen ganz unterschiedliche Ideen zusammen. Einigkeit bestand darin, »dass wir die humorige Ästhetik und die Symbolik des Hammer-Horrors aufgreifen wollten. Ihre frühen Dracula-Verfilmungen mit Christopher Lee sind legendär. Deshalb die Kulisse mit dem unheimlichen, spinnwebenüberzogenen Gemäuer, der tote Vogel auf dem Tisch, die buckelige schwarze Katze am Fenster und Ozzy als blutverschmierter „Madman“ mit aufgerissenen Augen. Auch das umgedrehte Kreuz und die mystischen Schriftzeichen an der Wand passten als okkulte Elemente prima zum Konzept.«
 



Der kleine Junge, der im Hintergrund in einem Buch schmökert und hämisch grinst, ist Osbournes damals sechsjähriger Sohn John. Vor ihm auf dem Tisch liegt als Requisite ein toter Vogel. »Nach den Fotoaufnahmen fragte jemand den Kleinen zum Spaß, was sein Papi wohl mit dem Flattervieh anstellen würde. Sofort griff sich John den ausgestopften Vogel und biss ihm den Kopf ab. 200 Pfund hat uns das alles gekostet!«

Mit Problemen ganz anderer Art sahen sich Osbourne und seine Designer konfrontiert, als die LP in den Handel kam. Das Motiv der Plattenhülle war eine Sache, die eigentümlichen Skizzen und schwer entzifferbaren Schriftzeichen auf der Innenhülle eine andere. Versteckte satanische Botschaften und okkulte Beschwörungsformeln wurden unterstellt und besonders in den USA heftig diskutiert.

»Lächerlich«, winkt Krusher ab, der für die Innenillustrationen und auch für die Dokumentenrolle, die auf dem Covermotiv an der Wand hängt, das thebanische Alphabet verwendete, eine jahrhundertealte Schrift unbekannter Herkunft zur Textverschlüsselung. »Die einzigen richtigen Wörter darauf lauten „The Ozzy Osbourne Band“, direkt über dem Bandfoto. Die Rückseite war als zweiseitiger Auszug aus dem Tagebuch des „Madman“ konzipiert. Deshalb habe ich links noch „Freitag“ und rechts „Samstag“ hinzugefügt.«



Das größte Rätsel geben die sonderbaren Schriftzeichen im unteren Teil des Innencovers auf. Geschuldet sind sie einem Versehen, beichtet der Zeichner. »Damals haben wir noch nicht mit Computern gearbeitet. Die Liedtexte wurden handschriftlich auf die Druckvorlage aufgetragen — im Original um einiges größer, als sie letztlich im Druckbild aussahen. Als mir die verkleinerte Vorlage angeliefert wurde, hat mich der Schlag getroffen. Ich hatte mich mit den Größenverhältnissen total verschätzt: Die Liedtexte waren viel kleiner als der eingeplante Platz.«

Vierzig Minuten blieben dem Künstler, um das Artwork zu retten. Die Plattenfirma wartete schon. »Ich musste schnellstens diese riesige Lücke füllen und fing sofort an, irgendwas hinzuzeichnen. Die einzige „Botschaft“ mit Sinn, die ich eingeschmuggelt habe, ist „Pam 4 Mr. S“: Pam war meine damalige Freundin, Mr. S mein Spitzname. Die Amerikaner sahen das aber alles ganz anders und waren sich sicher, dass dieses unentzifferbare Gekritzel von der Hand Satans persönlich stammt…«


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