Sanhedrin

Her mit den Abenteuern!

Eigenwilligen Hardrock mit Heavy-Metal-Schimmer zu versehen, gelingt derzeit kaum jemandem so galant wie Sanhedrin. Mit seinem dritten Album Lights On bewegt sich das New Yorker Trio auf spannenden Pfaden — UFO- und Sahara-Splitter inklusive.

TEXT: PETER ENGELKING |FOTO: Metal Blade

Lights On lautet der Titel ihres dritten Albums, der gleich Assoziationen weckt. Und tatsächlich: Im zugehörigen Lied zerschneiden scharfe Gitarrenriffs die Luft, während das Rhythmusgespann von Sanhedrin ein ums andere Mal an das legendäre UFO-Gespann Pete Way und Andy Parker denken lässt.

»Manchmal können wir unsere Vorliebe für die britischen Rocker eben nur schwer im Zaum halten«, lacht Gitarrist Jeremy Sosville. »Besonders die Platten mit Michael Schenker sind für mich einfach das Maß aller Dinge. UFO haben aber schon immer auf unsere Musik abgefärbt. Dass es diesmal vielleicht etwas deutlicher zum Tragen kommt, liegt daran, dass wir uns auf Lights On insgesamt mehr in Richtung Hardrock bewegt und dafür etwas vom Metal entfernt haben.«
 



Sosville sitzt spitzbübisch grinsend am Küchentisch, während seine Frau um ihn herumwuselt und das Mittagessen zubereitet. Der Gitarrist ist zufrieden, auch wenn die Corona-Pandemie seiner Band einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Nach der Veröffentlichung ihres exzellenten zweiten Albums The Poisoner (2019) waren sie gerade im Begriff, ordentlich durchzustarten — doch dann kam die Welt förmlich zum Stillstand. »The Poisoner hatte noch bessere Kritiken bekommen als unser Debüt A Funeral For The World und wir hatten erstmals die Möglichkeit, eine Reihe Gigs in Europa zu spielen, und plötzlich ging gar nichts mehr. Das war richtig scheiße!«

Das Leben in Brooklyn wurde für den Musiker mit einem Schlag unerschwinglich. Und so ging er zurück nach Massena, einem Ort nahe der kanadischen Grenze, aus dem er ursprünglich stammt. »Die Mieten in Brooklyn sind wirklich brutal hoch. Wenn du dich hauptsächlich auf die Musik konzentrieren willst und nur noch Zeit für einen Teilzeitjob nebenher hast, ist es nahezu unmöglich, diese Summen aufzubringen. Mein Dad wohnt noch immer hier in Massena und wir haben einen verdammt guten Draht zueinander, weshalb mir die Umzugsentscheidung nicht ganz so schwer fiel. Wir wohnen gerade einmal fünf Minuten entfernt voneinander und fachsimpeln ständig über irgendwelche Bands, das ist schon sehr cool. Auch wenn ich jetzt jedes Mal sechs Stunden Autofahrt in Kauf nehmen muss, wenn wir uns für Sanhedrin treffen.«



Sosvilles Vater war es auch, der ihn schon in jungen Jahren mit dem Rockmusik-Virus infizierte. Sein alter Herr sei selbst ein »Hardrock-affiner Gitarren-Nerd, für den Dokken und Dio das Größte sind. Als ich fünf war, hat er mir eine seiner Gitarren vor den Bauch gehalten, einen Akkord gegriffen und mich die Saiten anschlagen lassen — und schon war es passiert.«

Gegründet wurden Sanhedrin im Frühjahr 2015. Jeremy Sosville und Schlagzeuger Nathan Honor vertrieben sich schon damals die Zeit in einer gemeinsamen Band, kamen aber nie wirklich vom Fleck, erzählt der Gitarrist. Erst als Honor die Sängerin und Bassistin Erica Stoltz mit in den Proberaum brachte, ändern sich die Dinge. »Nathan hatte Erica an der Brooklyn Academy of Music kennengelernt, wo beide damals als Toningenieure beschäftigt waren«, bringt Sosville Licht in die Entstehungsgeschichte seiner Band. Erica Stoltz spielte seinerzeit bei den Bluesrockern Dirty Excuse, hatte aber immer auch eine Schwäche Doom Metal und Hardrock.

»Erica war kein Frischling mehr, ihr mussten wir nichts erklären«, sagt der Gitarrist über die Sängerin, die Mitte der Neunziger in einer Band von Mike Scalzi zu Gange war: Dem singenden Gitarristen der mit den im Underground kultisch verehrten The Lord Weird Slough Feg. »Sie hatte damals für eine Weile in San Francisco gelebt und Unholy Cadaver angehört, aus denen später Hammers Of Misfortune wurden. Erica ist als Gastsängerin auf dem Album von Unholy Cadaver zu hören und war auch als Songschreiberin noch an The Bastard beteiligt, der ersten Platte von Hammers Of Misfortune.«



Das Ideal Sanhedrins besteht darin, Musik in der Tradition von Bands aus den siebziger und achtziger Jahren im Hier und Heute zu zelebrieren. Vor allem die stilistische Unbekümmertheit vieler Künstler aus dieser Zeit hat es Jeremy Sosville angetan, wie er erläutert. »Damals suchten die Bands mit ihren Kompositionen Herausforderungen, das Abenteuer. Es ging nicht darum, sich in einem Stilsegment zu verrennen, sondern den Songs die Elemente zuzufügen, nach denen sie verlangten. Egal, ob man Lights Out von UFO nimmt, Thin Lizzys Fighting oder sämtliche Queen-Alben aus den Siebzigern: Jedes davon nimmt den Hörer mit auf eine kunterbunte Reise. Diese Scheiben sind stilistisch komplett offen! Das imponiert uns, da möchten wir gerne auch irgendwann einmal ankommen. Die alten Helden treten gerade nach und nach ab, aber vor uns liegen hoffentlich noch ein paar gemeinsame Jahre, in denen wir dieser Zielsetzung näherkommen werden.«

Die Gefahr, dass sich Sanhedrin als Trio klanglich selbst limitieren und somit den Weg in eine stilistische Vielfalt verbauen könnten, sieht der Gitarrist nicht. »Wir haben unsere Rezeptur gefunden, auf deren Grundlage wir gut arbeiten können. Dass man in einer Dreierbesetzung zwangsläufig eingeschränkt ist, spornt uns zusätzlich an. Wir müssen manchmal ein bisschen tiefer graben, um die passende Lösung für etwaige Probleme zu finden, aber das befeuert die Spannung unter uns nur noch mehr. Bei ›Death Is The Door‹, dem abschließenden Song von Lights On, bewegen wir uns beispielsweise im Instrumentalbereich auf einem recht gleichbleibenden Level. In solch einem Fall bemühen wir uns, unter anderem mit gut platzierten Gesangsharmonien die nötige Dynamik herzustellen — das funktioniert durchaus.«

Auch hinsichtlich der Umsetzbarkeit ihrer Lieder in Konzerten halten sich Sanhedrin an die Gepflogenheiten der Altvorderen: »Wir spielen jedes einzelne Stück unzählige Male im Proberaum und stellen so sicher, dass wir alles zu dritt und ohne technischen Hilfsmittel auf der Bühne hinbekommen. Falls das nicht der Fall ist, landet die Nummer eben nicht auf dem Album. That’s the deal!«

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