T.C. Boyle

Soundcheck — Geschichten für Musikfans

Diogenes
VÖ: 2019

Vielstimmiger Literatur-Sampler

„Als ich starb, kam ich in den Hardrock-Himmel.“ Der erste Satz von T.C. Boyles 2001 nur in einer Kleinauflage in deutscher Sprache erschienenen Story „Der Hardrock-Himmel“ bildet den verheißungsvollen Auftakt zu einem gelungenen Literatur-Sampler mit Geschichten für Musikfans. Der Titel der Anthologie ist passend, denn anhand der hier zusammengestellten 19 Stücke — überwiegend stimmig gewählte Romanauszüge — lassen sich lesenswerte Bücher und Autoren entdecken, kurzweilige Urlaubslektüre ist es allemal.

Musik in unterschiedlichen Erscheinungsformen und Spielarten setzt den Ton für diese sachkundigen, amüsanten wie auch tief schürfenden und emotionalen Texte, die echten Musikliebhabern das eine oder andere Déjà-vu-Erlebnis bescheren dürften. Ganz sicher kennt man einen Plattenladen wie Rachel Joyce ihn beschreibt, der nur Vinyl verkauft. Einschließlich des unvermeidlichen Personals, das zum Inventar eines derartigen Etablissement gehört: Kundschaft, Angestellte, Abhänger und ein allwissender Betreiber, der für jede Stimmungslage exakt die richtige Scheibe, ob Rock oder Klassik, zu finden versteht. Rob Sheffield schickt den Leser auf eine bewegende Erinnerungsfahrt in die alternative Musikszene der frühen Neunziger, wenn sein Protagonist beim Anhören eines Mixtapes seiner verstorbenen Ehefrau erneut glückliche Jahre durchlebt.

Benedikt Wells, einst gefeierter Nachwuchs-, nunmehr längst etablierter Autor des Diogenes Verlags, ist mit einem Auszug aus seinem erfolgreichen Debüt Becks letzter Sommer (2008) vertreten, in dem der frustrierte Musiklehrer Beck unter seinen Schülern unverhofft ein vielversprechendes Gitarrentalent entdeckt. Tim Krohn lässt einen beinahe resignierten Trompeter im Maschinenraum eines Schweizer Hotels seinen eigenen Stil finden und sodann Karriere machen. Und Navid Kermani philosophiert über Neil Young und berichtet von der beruhigenden Wirkung von dessen fast zehnminütigem ›Last Trip To Tulsa‹ auf die an Drei-Monats-Koliken leidende neugeborene Tochter. Neben Beiträgen von Autoren wie Nick Hornby und Truman Capote sind Sven Regener und Frank Goosen mit Auszügen aus ihren Romanen Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt bzw. So viel Zeit vertreten.

Abschließend begibt sich Grégoire Hervier, dessen fulminantes Romandebüt Vintage unlängst als Taschenbuch erschienen ist, in der exklusiven Story „Dark Was The Night“ einmal mehr auf eine fiktive Spurensuche. Indem er abermals gekonnt Fakten, Gerüchte und Spekulationen vermischt, lässt er seinen Protagonisten nach einem angeblich existierenden dreißigsten Song des legendären Bluesmusikers Robert Johnson forschen.

Keine Wertung
TEXT: AMIR SHAHEEN

ROCKS PRÄSENTIERT

DAS AKTUELLE HEFT