Peter Green, Fleetwood Mac

Trauer um Peter Green

Fünf Jahre reichen Peter Green für ein Kapitel im Geschichtsbuch der wichtigsten Blues- und Rock-Gitarristen aller Zeiten. Seine Band baute die Brücke vom britischen Bluesrock der Spätsechziger zum Hardrock der Folgedekade und beeinflusste die Musik von Led Zeppelin, Aerosmith bis hin zu Gary Moore unüberhörbar. Der große Gitarrist, von dem B.B. King einst sagte, er wäre der einzige, bei dessen Spiel es ihm eiskalt den Rücken runterläuft, ist im Alter von 73 Jahren in seiner Heimat gestorben.

TEXT: DANIEL BÖHM

Am 29. Oktober 1946 als Sohn jüdischer Eltern geboren, ist der sensible Peter Allen Greenbaum schon als Kind stark von Musik fasziniert, auf die er extrem emotional reagiert. Er wächst im Londoner East End auf und ist seiner Religion wegen ständig Demütigungen, Handgreiflichkeiten und Ressentiments ausgesetzt. Das hinterlässt Narben auf seiner Seele, die bis ins Erwachsenenalter nicht abklingen.

Er wird zum überzeugten Blues-Traditionalisten und empfindet eine tiefe Verbundenheit mit der leidvollen Geschichte dieser Musik und ihrer Protagonisten: Die Geschichte des Blues ist auch seine.

Als Teenager saugt er alles in sich auf, was er an amerikanischen Bluesplatten ergattern kann. Muddy Waters, Buddy Guy und vor allem B.B. King sind seine frühen Lehrmeister. Auch der ein Jahr ältere Eric Clapton begeistert den jungen Gitarristen, der alles daran setzt, ihm in der Band von John Mayall nachfolgen zu können.

1966 ist er offiziell ein Bluesbreaker. ›Looking Back‹, eine Nummer von Johnny „Guitar“ Watson, ist das erste Stück, das Mayall 1966 mit dem Neuling für eine Single aufnimmt. Erst mit der B-Seite der zweiten ist Green glücklich: Der von ihm komponierte und selbst gesungene Slow-Blues ›Out Of Reach‹ deutet mit der verhallten, ausnehmend gefühlvollen Lead-Arbeit ziemlich konkret in die Richtung der zukünftigen Fleetwood Mac.



Seine Langspiel-Premiere mit den Bluesbreakers folgt im Februar 1967. A Hard Road wird zu einem wertvollen Beitrag zum britischen Blues; das Green-Instrumental ›The Super-Natural‹ mit seinen singendem Sustain und Tönen, die mit aller Zeit der Welt gezogen werden, stehen in Verbindung mit den großen Mac-Klassikern ›Albatross‹ und ›Black Magic Woman‹.

Als die Musik seines Mentors Mayall jazziger wird, spielt der von einem Hang zu ungewöhnlich aggressiver Selbstkritik geplagte Green mit dem Gedanken an eine eigene Band. In der kommen die Bluesbreakers-Kollegen John McVie (Bass) und Mick Fleetwood (Drums) unter; der Slide-Gitarrist Jeremy Spencer komplettiert die erste Inkarnation von Peter Green’s Fleetwood Mac, die schnell mit den Aufnahmen ihrer ersten LP beginnt.

17 Wochen lang hält sich Peter Green’s Fleetwood Mac (1968) in den Top Ten der britischen Charts und ein ganzes Jahr unter den zwanzig meistverkauften LPs im Vereinigten Königreich: Eine schlichte, aber wirkungsvolle Platte, auf der sich Green mit seinem gefühlbetontem Spiel in ›I Loved Another Woman‹, ›Merry Go Round‹ und der an John Lee Hooker angelehnten Akustiknummer ›The World Keep On Turning‹ ein Denkmal setzt.

›Black Magic Woman‹, noch vor Veröffentlichung des Albums als neue Single aufgenommen und später von Santana gecovert und zum Welthit erhoben, legt für den bislang als Traditionalisten aufgetretenen Green einen modernen und progressiven Blues-Ansatz offen: Es ist sein erster bedeutsamer Schritt weg vom Interpreten des schwarzen, hin zum schöpferischen Original des weißen Blues und Bluesrock.

Als Songschreiber, Gitarrist und Arrangeur wird er sich noch weiter über den Tellerrand der Genrekonventionen strecken. Auf dem im Frühjahr 1968 entstehenden zweiten Album allerdings nur bedingt. Die Gruppe versucht auf Mr. Wonderful den rauchig-rohen Live-Sound eines Clubs der fünfziger Jahre einzufangen.

Zwei von Greens berührendsten Gitarren- und Gesangs-Beiträge sind ›Love That Burns‹ und ›Trying So Hard To Forget‹, ein autobiographisches Stück, das erstmals Tore zu der dunkleren Seite seiner Seele aufstößt: »Man hört, wie Peter Greenbaum seine traumatischen Jugenderlebnisse im jüdischen Viertel Whitechapel verarbeitet«, erklärt Mick Fleetwood bewegt. »Es war das erste Mal, dass ich Peter so singen gehört habe. Sein Schmerz und seine Verletztheit sind so fühlbar. Und man hört, wie ihm der Blues Trost spendet.«



Im Studio gerät er immer wieder mit dem musikalisch genügsamen Slide-Gitarristen Jeremy Spencer aneinander, der glücklich ist mit seinem limitierten Repertoire an Elmore-James-Licks. Green lotst den 19-jährigen Danny Kirwan als dritten Gitarristen in die Band — mit ihm erweitern Fleetwood Mac ihr musikalisches Spektrum beträchtlich.

Im Oktober 1968 entsteht in ›Albatross‹ zunächst ein verträumtes Instrumental mit Hawaii-Flair (ein großer Hit), und auch die zweite Single ›Man Of The World‹ ist nichts, was man mit dem alten Bluesrock-Sound der Gruppe in Verbindung gebracht hätte.

Auf dem Album, das 1969 folgt, gehen Fleetwood Mac noch viel weiter. Green hatte Gefallen daran gefunden, seiner Musik lange Improvisationspassagen zuzugestehen oder Songs gleich komplett aus Jams heraus zu entwickeln — ganz nach dem amerikanischen Vorbild der Allman Brothers oder von Grateful Dead.

Bestes Beispiel: ›Rattlesnake Shake‹, das die Band bei ihren Konzerten gerne zu einem mitreißenden Spektakel von einer knappen halben Stunde ausweitet. Überhaupt schreitet die harmonische Verzahnung und die Interaktion von Green und Kirwan immer weiter voran: ›Coming Your Way‹ dient Wishbone Ash als Lektion für ihre eigenen Twin-Gitarren-Arrangements; Green alleine fesselt mit gefühlsintensivem Spiel im langsamen Blues ›Without You‹.

Dass die Musik von Fleetwood Mac nicht nur in der Live-Darbietung immer härter wurde, zeigte sich besonders in den beiden Teilen der Single ›Oh Well‹: Die Nummer mit dem prägnanten Riff ist lediglich auf der US-LP mit seltsam veränderter Songreihenfolge enthalten.



Peter Green plagen weiterhin Zweifel an seinem Tun, er zieht sich tief in sich zurück, ist zunehmend depressiv und taumelt auf der Suche nach Sinn, Identität und Orientierung. Immer weiter entfremdet er sich von der Band und von sich selbst.

Der Erfolg reibt ihn psychisch immer mehr auf. Bereits bei der Tour im Vorprogramm von Grateful Dead war Green mit LSD in Berührung gekommen, das er weiterhin konsumiert wie auch Meskalin.

Es gilt als sicher, dass dies bei ihm eine Schizophrenie hervorrief, die sich in den Siebzigern unaufhörlich verschlimmerte. Eine Party bei Uschi Obermaier und Rainer Langhans in deren Münchener Kommune wird dem Musiker letztlich zum Verhängnis: Green wirft eine beträchtliche Menge Drogen ein und geht auf einen Trip, von dem er nie mehr zurückkommen sollte. Er verliert jeden Halt zur Realität; seine Psyche kann sich zeitlebens nicht mehr vollständig erholen.

Green verlässt seine Band und veröffentlicht 1970 sein Solo-Debüt. The End Of The Game ist ein auf unvorbereiteten Studio-Jams basierendes Album mit formlosem Acid-Rock, auf dem er die besseren seiner im LSD- und Meskalin-Rausch gesammelten Eindrücke in Musik zu kleiden versucht.

Bis 1972 veröffentlicht er noch die Singles ›Heavy Heart‹ und ›Beasts Of Burden‹, die dem alten Sound von Fleetwood Mac zumindest ein bisschen näher kommen.

Dann verschwindet er aus der Öffentlichkeit und verschachert sogar seine Gitarre für ein paar Pfund an Gary Moore. Peter Greens Verhalten wird zunehmend exzentrisch und irrational. Die Schizophrenie verschlimmert sich trotz aller Therapie rasant und gipfelt in unberechenbaren Emotionswechseln und starken Halluzinationen, deren drastische Behandlung den Gitarristen für Jahre außer Gefecht setzt.

Zuletzt findet er Ende der neunziger Jahre mit der Splinter Group wieder ins Showgeschäft zurück. Am 25. Juli 2020 ist Peter Green im Alter von 73 Jahren in seiner Heimat gestorben.


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