Whiskey Myers

Whiskey Myers

Caroline International
VÖ: 2019

Ein Sturm aus dem Süden

Mit ihrem 2014 veröffentlichten dritten Album Early Morning Shakes und dem direkten Nachfolger Mud haben sich Whiskey Myers als die Southern-Band der Stunde empfohlen. Nun hat der Trupp aus dem texanischen Palestine nochmals dramatisch an Selbstbewusstsein zugelegt, die Produktion nicht mehr Szene-Intimus Dave Cobb überlassen, sondern selbst in die Hand genommen und 14 erstklassige und stilistisch breit gefächerte Lieder auf die staubige Landstraße geschickt, die sich gemütlich rumpelnd zwischen zupackendem bluesigen Hardrock, Country und Southern-Soul bewegen und das Herz des Zuhörers ohne Umwege erreichen.

Sie seien Country-Boys, die Rock’n’Roll spielen, brachte es Sänger Cody Cannon einst auf den Punkt, und das wird im eröffnenden ›Die Rockin’‹ mit knochentrockenem Riff, säuselnder Orgel und dem seelenwärmenden Gospel-Refrain deutlich. Ihr fünfter Streich enthält nur im etwas zu offensichtlich auf aktuelle Retro-Hardrocker wie Rival Sons schielenden ›Hammer‹ einen leichten Durchhänger, die lässige Country-Grundierung von ›Running‹ und dem fröhlichen Shuffle ›Rolling Stone‹ sind ein Fingerzeig Richtung Allman Brothers, während ›Bitch‹, ›Mona Lisa‹ oder ›Gasoline‹ ZZ Top, frühe Blackfoot und die Black Crowes federleicht vereinen. Wenn je eine Band die unverschämte Coolness der Southern-Könige Lynyrd Skynyrd besessen hat, dann Whiskey Myers mit den neuen Genre-Hymnen ›Little More Money‹ und ›Glitter Ain’t Gold‹.

Hauptverantwortlich für den neuerlichen Höhenflug dürfte Rau-Kehle Cannon sein, der nicht nur eine fabelhafte Gesangsleistung abliefert, sondern sich einmal mehr als aufmerksamer Beobachter der Südstaaten-Lebensphilosophie in der Tradition eines Ronnie Van Zant erweist und im sentimentalen Abschiedslied ›Bury My Bones‹ Gänsehaut hervorruft. Auch der Highway-Song ›California To Caroline‹ gehört zu den Highlights einer Platte, die in ›Bad Weather‹ nach zartem Akustik-Beginn einen Sturm aus schweren Gitarren entfesselt. An dessen Ende steht die Erkenntnis, dass es selbst den bislang konkurrenzlosen Blackberry Smoke Mühe bereiten dürfte, dieses fabelhafte Referenzwerk zu ignorieren.

(9/10)
TEXT: MARKUS BARO

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