Widespread Panic

Street Dogs

Welk
VÖ: 2015

Aufregung von der Straße

Ihre aktuellen Fotos rufen in Erinnerung, was der Europäer durch die nicht nur räumliche Distanz zu dieser Band ganz gerne vergisst: Widespread Panic sind zu Veteranen der Jam-Band-Kultur Amerikas ergraut. Elf Studio- und fast genausoviele Konzertalben hat die Formation aus Athens, Georgia, seit ihrer Gründung 1985 veröffentlicht und ihre Musik sukzessive verfeinert.

Southern-, Roots- und Grateful Dead-beflissen war dieser immer. Und doch haben sie über die Jahre zu einem sehr aparten Sound gefunden, in dem sich immer mehr Verweise auf die Dave Matthews Band, Phish und sogar Pearl Jam finden lassen. Dass es der Band trotz Glanzstunden wie Ain’t Life Grand (1994) ’Til The Medicine Takes (1999) und Dirty Side Down (2010) nicht immer gelang, ihre Bühnenqualitäten in ein Tonstudio zu übertragen, ist ein offenes Geheimnis.

Die Konsequenz daraus haben Widespread Panic erst jetzt gezogen: Ihre zwölfte Platte entstand live im Studio. Mit großer Wirkung, denn so flüssig wie auf Street Dogs ist ihnen die Verbindung von Songs, Sounds und Improvisationsflächen noch nie gelungen. Bereits die Abbildung der einzelnen Musiker im dreidimensionalen Klangraum ist exzellent und das Zusammenspiel von Schlagzeuger Duane Trucks (der Bruder von Derek Trucks vertritt Gründungsmitglied Todd Nance) mit Bassist Dave Schools und Gitarrist Jimmy Herring in jeder Hinsicht aufregend. Zumindest im Studio war nie klarer, dass Widespread Panic eben auch mit der Idee der Allman Brothers Band innig verbunden sind.

Gleich das Eröffnungsstück macht dies deutlich: Die alte Alan Price-Nummer ›Sell Sell‹ gab es bereits auf dem Akustik-Live-Album Wood (2012) zu hören — damals eben noch nicht vollverstärkt, ohne Orgel und Wah-Wah-Solo und auch nicht mal halb so swingend. ›Steven’s Cat‹ ist eines der stärksten Kompakt-Lieder von Widespread Panic überhaupt. ›Cease Fire‹ gaukelt mit allerhand Percussion und speziell in der Gitarrenarbeit vor, eine Santana-Nummer zu sein, während das kühl-klagende ›Jamais Vu (The World Has Changed)‹ in den gesangsfreien Passagen einen gewissen Lounge-Charakter entwickelt. Erst ganz zum Schluss gehen der Gruppe etwas die Gäule durch: Der von Gitarrist John Keane gesungene Southern-Boogie ›Welcome To My World‹ wirkt auf dieser filigranen Platte reichlich deplatziert.

(8/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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