Billy Idol

Rückblick ohne Reue

Nach sieben Jahren Veröffentlichungsfunkstille gibt der Pop-Rock-Punk mit einer EP ein neues Lebenszeichen. The Roadside untermauert, weshalb Billy Idol immer noch einzigartig ist.

 

TEXT: STEFFEN RÜTH |FOTO: Michael Muller

Als Gesamterscheinung wirkt dieser William Michael Albert Broad, bekannt als Billy Idol, mit seinen 65 Lebensjahren ja durch und durch juvenil. Der eher kleine Körper macht einen drahtigen, tendenziell trainierten Eindruck, und der blondierte Schopf ist immer noch fest und voll. »Das sind die guten Gene meiner Eltern, die beide ziemlich attraktiv waren«, glaubt der Sänger den Grund für seinen guterhaltenen Zustand zu kennen. »Ich selbst bin jedenfalls auch heute noch sehr zufrieden mit mir.« Am Telefon jedoch wird seine Schwachstelle offenbar. Man muss schon ziemlich die Ohren spitzen, um alles mitzukommen, was er so von sich gibt.

Seine Stimme nämlich ist ganz schön brüchig und kratzig, fast so, als befände sich noch eine kleine Raspel irgendwo zwischen Kehlkopf und Mund. Manche seiner Sätze hören zudem einfach unvermittelt auf, bei anderen setzt er nach gewissen Kunstpausen plötzlich wieder an. Das sicherste Zeichen, dass eine Idol-Aussage abgeschlossen ist, bildet sein kehliges, lautes Lachen. Und das lässt Billy Idol wunderbar oft hören. »Ich hätte es lange nicht für möglich gehalten, dass ich mit 65 noch lebe«, sagt er und lacht so kräftig, dass er sich bei dem darauffolgenden Satz gleich verschluckt: »Nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit hätte ich längst tot sein müssen. Doch das Schicksal hatte einen anderen Plan mit mir als mich früh abzuberufen. Ich darf weiterleben — und weiterspielen.«



Nicht, dass er sich verausgaben würde. Sieben Jahre sind schon wieder ins Land gezogen seit Idols letztem Album Kings & Queens Of The Underground, das seinerseits eine neunjährige Plattenpause beendete. Und jetzt reicht es schließlich auch nicht für einen vollständigen Longplayer, aber immerhin für eine EP. Vier Songs sind auf The Roadside enthalten, das Teil läuft kaum eine Viertelstunde, doch es bietet auf die Schnelle einen recht umfassenden Einblick in seinen aktuellen Schaffensstand.

Auf ›Rita Hayworth‹ röhrt und rockt Idol wie eine etwas in die Jahre gekommene Wildkatze, die Nummer ist direkt, angenehm wenig komplex und geht ins Ohr. Noch unverblümter an früher erinnert ›U Don’t Have To Kiss Me Like That‹, eine etwas in Soul getünchte, vertraut nach dem Endachtziger- und Frühneunziger-Billy klingende Pop-Rock-Nummer, während ›Baby Put Your Clothes Back On‹ etwas stärker von Synthesizer-Sounds geprägt ist.



»Textlich ist der Song natürlich eine Farce«, meint Idol und sein Lachen kippt dabei leicht ins Feixende. »Denn auch wenn es an sich eine gute Idee ist, nicht mit deiner besten Freundin ins Bett zu gehen, wie der Song nahelegt, habe ich mich meistens nicht daran gehalten. Am Ende ist es halt auch ganz schön, mit seiner platonischen Freundin zu vögeln, man kann dann ja später noch gucken, wie man damit umgeht.«

Das musikalische und inhaltliche Herzstück freilich heißt ›Bitter Taste‹ und widmet sich mit eindringlicher Melodie Billy Idols schwerem Motorradunfall, der ihn 1990 fast ein Bein gekostet und ihn längere Zeit ans Krankenbett gekettet hat. Seinerzeit hatte er ein massives Problem mit Drogen und Alkohol, auch bei dem von ihm verschuldeten Crash war Idol nicht nüchtern.

»Der Unfall war damals ein Wendepunkt für mich«, sagt er rückblickend. Alles, wirklich alles, habe er sich zu der Zeit eingeworfen. Im Studio nahm man Drogen, um auf Ideen zu kommen. Außerhalb des Studios nahm man noch mehr Drogen, vor allem Koks, und was man sonst noch in die Finger bekam. Nur auf der Bühne habe er versucht, einen einigermaßen klaren Kopf zu behalten. Ein Teufelskreis. »Ich habe sehr nah am Abgrund getanzt, und das wusste ich auch. Ich fand es einfach unübertrefflich geil, wenn ich dicht war. Vor allem gab es noch keine Handys und kein Internet. Ich konnte stockbesoffen auf dem Boden irgendwelcher Clubs am Sunset Strip in Hollywood liegen, es hat abgesehen von mir und meinen Kumpels keinen gekümmert. Heute wäre das alles sofort im Netz und für die ganze Welt zu sehen.«



Scham war dennoch der Hauptgrund, warum Idol schließlich einige Jahre nach seinem Unfall (Jahre indes, in denen es zumindest eine lebensbedrohliche Überdosis gab) seine Drogenabhängigkeit abschütteln konnte. Nicht Scham vor der ganzen voyeuristischen Welt, sondern Scham vor seinen 1988 und 1989 geborenen Kindern Willem und Bonnie. »Ich wollte mich einfach nicht mehr als Junkie präsentieren. Meine Kinder hatten einen besseren Vater verdient. Außerdem hatte ich kein Interesse daran zu sterben.«

Heutzutage habe er seinen Konsum im Griff, halte sich von Pillen und hartem Zeug fern, trinke aber gern das eine oder andere Glas Wein zum Abendessen. Und kiffe. »Ich liebe Pot«, bekennt Idol und unterstreicht die Aussage durch einen besonders kräftigen Lacher. »Das ist bei uns in Kalifornien ja auch Medizin und keine Droge.« Seine frühere Sucht bereut er nur indirekt. »Es tut mir leid, dass ich nicht mehr für meine Kinder da war. Doch ich würde nichts ändern wollen. Ich habe mein Leben wirklich ausgereizt, teilweise überreizt. Wir hatten Spaß.«

Nun lässt es Billy Idol lieber altersgerecht angehen. Seine Tochter Bonnie hat ihn im Mai 2020, Mitten in der Pandemie, zum Opa gemacht. »Ich liebe es, mit meiner Enkeltochter Poppy Rebel zusammen zu sein. Sie kann jetzt laufen und zieht mich immer irgendwo hin, meist, um mir Tiere zu zeigen. In dieser dunklen und schrecklichen Zeit war die Kleine ein echter Sonnenstrahl.«



Billy Idol stammt aus London. Er wuchs in einer religiösen Familie auf, ging auf Jungenschulen und studierte Englisch auf Lehramt — bis er den Punk für sich entdeckte und sein Leben änderte. Er fand leidlichen Erfolg als Sänger der Band Generation X, einer Art Punk-Light-Band, und ging 1981 nach New York, um dort eine Solokarriere anzustreben. Bald schon gelangen dem attraktiven Rüpel mit der hochgezogenen Oberlippe die ersten Hits.

›Dancing With Myself‹, ›Rebell Yell‹, ›White Wedding‹ oder ›Eyes Without A Face‹ machten Idol Mitte der Achtziger, flankiert von feschen Videos im damals superhippen Musiksender MTV, zum Popstar, auch die Ballade ›Sweet Sixteen‹ ist bis heute ein gern gehörter — wenn auch wegen ihrer Lolita-haften Anrüchigkeit hier und da etwas umstrittener — Klassiker. »Meine Hits sind nicht so übel gealtert«, findet der Wahlamerikaner. »Unsere Aufnahmen waren zu ihrer Zeit recht modern, heute sind sie zeitlos.«



An The Roadside, das von Butch Walker produziert wurde und auf dem sein jahrzehntelanger Begleiter Steve Stevens Gitarre spielt, fällt angenehm auf, dass Idol heute nicht mehr versucht, auf Trends aufzuspringen wie etwa 1993 mit dem Album Cyberpunk. Tatsächlich ist es ja sowieso eher andersrum, der Trend dreht sich wieder in seine Richtung. »Wir haben im Sommer ein paar Open-Air-Konzerte gespielt, und ich war total begeistert, wie viele junge Menschen im Publikum waren. So viele wie seit etlichen Jahren nicht mehr. Das hat richtig Spaß gemacht.«

Nicht zuletzt Miley Cyrus hat den Altmeister für sich entdeckt. Auf Cyrus’ aktuellem Album liefern die beiden in ›Night Crawling‹ ein gelungenes Duett, und beim diesjährigen Lollapalooza-Festival in Chicago kam Billy zu Miley auf die Bühne, zusammen spielten sie neben ihrer Gemeinschaftsnummer noch den Idol-Klassiker ›White Wedding‹. »Die Leute sind ausgeflippt. Der klassische Billy ist definitiv wieder da. Seit ich nüchtern bin, hatte ich nicht mehr so viel Bock aufs Livespielen wie im Moment.«


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