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Audrey Horne

Es ist gut, zu diskutieren

Auf Achilles wird nicht lange gefackelt. Das achte Studioalbum von Audrey Horne ist ein Füllhorn großer Melodien, mit dem die Norweger in ihrem eigenwilligen Hardrock-Sound zu einer neuen Schlagkraft finden.

TEXT: JACQUELINE FLOSSMANN |FOTO: Jens Kristian Rimau

Es gibt Albumtitel, deren Geschichte und Bedeutung man etwas genauer erfragen muss. Achilles gehört in diese Kategorie. In Kombination mit dem Albumcover, das Schlangen und Speere zeigt, denkt man natürlich automatisch an den Homer und die großen Helden der griechischen Mythologie, an Unverwundbarkeit und diese verdammte, verhängnisvolle Ferse. Audrey Horne hingegen interessieren sich weniger für den Krieger als für die Etymologie seines Namens.

»Das Wort „Achilles“ kann nicht nur den griechischen Sagenhelden beschreiben, sondern allgemein den Kummer der Menschen«, erläutert Gitarrist und Songwriter Arve Isdal im Gespräch. Achilles. Der Name leitete sich wahrscheinlich von den griechischen Worten „achos“ für Schmerz und „laos“ für Volk ab, erklärt er. »Dennoch ist das kein politisches Album. Es geht eher darum, dass wir unsere Beobachtungen der Welt und der Weltlage verarbeiten.« Und die scheint zunehmend aus den Fugen zu geraten. Auf Achilles gehe es deshalb um die Gegenwart. Um Menschen, die kämpfen. Mit Krisen. Mit Regierungen. Miteinander. Mit sich selbst. Dieser Inhaltsrahmen habe sich fast unbemerkt entwickelt, während die Songs Gestalt annahmen, erklärt der Musiker.

»Eins unserer Demos hieß bereits ›Achilles‹, bevor wir überhaupt einen Text dazu hatten. Der Song ist jetzt der Opener der Platte und wurde schließlich auch zum Albumtitel«, so Isdal. Erst später fiel der Band auf, wie gut sich der Name mit den Themen verbinden ließ, die immer wieder auftauchten. Fast wirkt es, als hätte dieses Werk seinen Titel schon gekannt, bevor seine Schöpfer ihn verstanden. Und so schließt sich der Kreis doch wieder, hin zu einem Hauch Sagenhaftigkeit. Dabei begann alles erstaunlich unspektakulär. Keine Masterpläne, keine fixen Ideen. Die einzige Vision für Achilles: »Die Platte sollte roh klingen. Mit dem Feeling eines Live-Albums.«



Nach der Tour zum Vorgängeralbum The Devil’s Bell gönnten sich Audrey Horne erst mal ein Päuschen. »Wir waren ein bisschen träge unterwegs. Vor etwas über einem Jahr kamen wir dann wieder an einen Punkt, wo wir uns sagten: So, jetzt müssen wir uns fokussieren.« Und obwohl man den Musenkuss nicht komplett erzwingen kann, hat der gemeinsame Fokus mit Ansage die Norweger wieder auf Spur gebracht: »Wir wurden sehr schnell ziemlich kreativ. Diese Platte ist mehr Gruppenarbeit als The Devil’s Bell, einfach schon deshalb, weil wir uns damals aufgrund der Pandemie nicht persönlich treffen konnten.«



Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis von Isdal, Sänger Torkjell „Toschie“ Rød, Gitarrist Thomas Tofthagen und Schlagzeuger Kjetil Greve, die seit 24 Jahren zusammen spielen, sowie Bassist Espen Lien, der seit 2012 fest zur Band gehört. Einer Band, die nach all den Jahren noch immer lebendig klingt. Ideen werden diskutiert, verändert, manchmal komplett auf links gedreht. »Ich finde es gut, wenn alle involviert sind. Reaktionen, Anmerkungen und Vorschläge zeigen, dass ihnen die Musik und die Band wichtig sind. Es ist gut, zu diskutieren«, erläutert Isdal den gemeinschaftlichen Songwriting-Ansatz von Audrey Horne. Wie fruchtbar solche Diskussionen sein können, zeigt etwa ›Pretty Little Lies‹.

»Das war ursprünglich ein sehr langsamer, schwerer Song im Stil von Led Zeppelin. Der heutige Chorus versteckte sich damals als Gitarrenpart mitten im Stück. Bis Toschie den Teil für sich entdeckte und meinte, da könne er gut drüber singen.« Und so wurde die gesamte Komposition neu gedacht und vom schweren Zep-Schlepper zur emotional aufgeladenen Powerballade.



Ganz anders entstand die sehr eingängige Single ›God Damn Beautiful‹. »Die basiert auf einem Demo, das Espen mir geschickt hatte. Darauf spielt er Akustikgitarre und singt. Wir haben die Idee ziemlich genau so übernommen, mussten uns im Bandraum dann nur noch darauf einigen, welches Tempo und welche Energie der Track haben sollte.« Zwei Lieder, zwei Wege — und doch dieselbe Erkenntnis: Gute Songs entstehen dann, wenn man sich auf das Stück konzentriert. Offen in den Austausch geht. Sein eigenes Ego außen vor lässt. Vielleicht auch mal ein bisschen mutig ist. Wie auch bei dem Tracklisting auf Achilles. Ausgerechnet das über fünf Minuten lange Titellied eröffnet das Album — eine eher verschachtelte, progressive Nummer, die mit klassischen Erwartungen bricht.

»Natürlich haben wir uns die Frage gestellt, ob wir nicht lieber mit einem direkteren Stück anfangen sollten. Aber irgendwie gefiel mir die Idee, anders zu beginnen. Eine neue Facette der Band zu zeigen. Vielleicht verschrecken wir damit einige potenzielle Hörer. Aber vielleicht finden es manche ja auch interessant, vielleicht öffnet es auch die Tür für neue Fans.« Trotz der eher ungewöhnlichen Eröffnung ist Achilles kein kompliziertes Album geworden. Es ist direkter als sein Vorgänger und verdammt eingängig. Voller großer Refrains. Ein großartiges Best-of aus all dem, was Classic Rock und Oldschool-Heavy-Metal so zu bieten haben. Dass Audrey Horne bei all ihren deutlichen Einflüssen — von Kiss über Guns N’ Roses bis hin zu Thin Lizzy, Iron Maiden und Metallica — trotzdem keine schnöde Kopie sind, mag auch an Sänger Toschie liegen.



»Er kommt eher aus der Pop-Ecke. Natürlich mag er Classic Rock und Heavy Metal, aber so singt er nicht. Würde er das tun, wäre es wahrscheinlich zu viel.« Gerade dieser Kontrast sorgt dafür, dass Audrey Horne eigenständig klingen. Und echt. »Ich mag die Bewegung in der Musik, die Bewegung in den akustischen Wellen. Viele Songs heutzutage sind bis zur Perfektion editiert, jeder kleinste Fehler wird herausgelöscht. Wir wollten dieses Album etwas organischer machen, im Studio längere Takes aufnehmen, nichts kopieren, auch mal eine kleine Unsauberkeit stehen lassen, wenn der Take ansonsten gut war.«

Isdal, der auch Musikproduktion unterrichtet und die rasanten Fortschritte künstlicher Intelligenz verfolgt, hat diese Entscheidung bewusst für die neue Platte getroffen: »Auch wenn KI-Musik inzwischen ziemlich gut geworden ist, bin ich nicht allzu besorgt. Wie wir Musik machen, wird nicht weggehen.« Und so ist Achilles vielleicht sogar unbeabsichtigt ein unaufdringliches Plädoyer für das Menschliche geworden. Für Diskussionen statt Algorithmen. Für Songs, die funktionieren, weil fünf kundige Musiker gemeinsam so lange an ihnen gearbeitet haben, bis sie sich richtig anfühlten. Für Echtheit statt konstruiertes Heldentum.



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Die Titelliste von Achilles:

01. Achilles
02. In The Eye Of The Hurricane
03. Vampires
04. God Damn Beautiful
05. Pretty Little Lies
06. Prodrome
07. Insanity
08. Hell Is Eternity
09. Six Feet In The Ground
10. Running Through The Night
11. New Star Falling

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