Als Ende September der Videoclip zu ›The Idiot‹ als Vorbote eines weiteren Gluecifer-Albums veröffentlicht wurde, war die Überraschung groß. Die ursprünglich 1994 gegründete Band hatte nach ihrer zwischenzeitlichen Auflösung zwar Anfang 2018 wieder zusammengefunden, außer vereinzelten Auftritten aber seither nicht viel von sich hören lassen. Die deutlich vom räudigen Motörhead-Vibe durchdrungene Nummer lässt Freunde skandinavischen Rotzrock nun gespannt aufhorchen.
»Es hat in der Tat eine ganze Weile gedauert, ehe wir uns einig waren, ein neues Album angehen zu wollen«, bestätigt Gitarrist Arne Skagen, der sich für sein Musikerdasein Captain Poon nennt. »Als Biff Malibu und unser zweiter Gitarrist Raldo Useless Ende 2017 Interesse bekundeten, Gluecifer wieder aufleben zu lassen, war ich zunächst skeptisch. Der Stachel, dass sie die Band seinerzeit mit ihrem Ausstieg ziemlich ausgebremst hatten, saß noch immer tief bei mir — auch wenn ich mich mittlerweile mit dem Aus arrangiert hatte. Ich dachte, eine solche Zusammenkunft fördere nichts außer heißer Luft zutage. Aber als wir wieder in einem Raum saßen, in unserer gemeinsamen Vergangenheit schwelgten und nach ein paar Tagen Bedenkzeit tatsächlich einige Reunion-Shows anleierten, machte sich ein wohlig warmes Gefühl in mir breit.«
Frontmann Malibu begann nach seinem Ausstieg 2005 unter seinem bürgerlichen Namen Frithjof Jacobsen eine beachtliche Karriere als Politikjournalist bei großen norwegischen Tageszeitungen, was Skagen sehr zu schaffen machte, wie er heute eingesteht.
»Biff und Raldo wollten damals ihre Prioritäten anders setzen, ihr Leben nicht mehr vollumfänglich der Musik widmen. Damit konnte ich für eine Weile gar nicht umgehen«, erzählt der Gitarrist und Bandgründer. »Mit Automatic Thrill hatten wir 2004 ein bärenstarkes Album veröffentlicht und mit ›Desolate City‹ im Jahr darauf einen Song auf dem Soundtrack des norwegischen Streifens Izzat platziert, der zu unserem erfolgreichsten Stück überhaupt werden sollte, und die beiden ziehen einfach die Reißleine — damals war ich völlig angepisst! Ich hatte nicht ihre beruflichen Möglichkeiten, ihre Talente. Ich war ein miserabler Schüler, mühte mich ab in Gelegenheitsjobs und hatte mich ansonsten vollkommen dem Rock’n’Roll verschrieben. Dieses bürgerliche 9-to-5-Ding war nie meins. Deshalb war das zwischenzeitliche Ende von Gluecifer ein solcher Schock für mich. Ich hatte danach noch meine Band Bloodlights, aber das war eben etwas ganz anderes.«
Nachlass verwalten oder Neues nachlegen
Gluecifer hatten in den neunziger Jahren einen Kavalierstart hingelegt und mit ihrem fulminanten Debüt Ridin’ The Tiger (1997) die Basis für eine beachtliche Karriere geschaffen, die von vielen schweißtreibenden Shows begleitet wurde und sie unter anderem im Vorprogramm von Motörhead durch amerikanische Clubs führte. Eine Zeitlang zählten sie zusammen mit den Backyard Babies, The Hellacopters und Turbonegro zur ersten Garde des skandinavischen High-Energy-Rock, ehe nach den weiteren Alben Soaring With Eagles At Night, To Rise With The Pigs In The Morning (1998), Tender Is The Savage (2000), Basement Apes (2002) und Automatic Thrill (2004) urplötzlich Schicht im Schacht war. Skagen befürchtet daher nach der Wiedervereinigung, einen solchen Dämpfer noch einmal erleiden zu müssen.
»Die Reunion-Shows, die wir in den zurückliegenden Jahren gespielt haben, waren klasse. Aber irgendwann stellte sich zwangsläufig die Frage, ob wir nur unseren Nachlass verwalten oder aber die Leute mit neuem Material bei der Stange halten wollen. Die Testphase war vorbei, wir kamen auch im zweiten Anlauf gut miteinander klar, also ab dafür!« Der Gitarrist erinnert sich noch sehr gut an jenen Abend, an dem er seine Mitstreiter mit der Frage nach einem weiteren Album konfrontierte. Das sei im November 2022 gewesen, berichtet er. Einige Stunden nachdem er gemeinsam mit Biff Malibu, Raldo Useless, Bassist Peter Larsson und Schlagzeuger Danny Young die Bühne des Clubs La Paqui im spanischen Madrid verlassen hatte.
»Eine wunderbare Show, die in einer dahingerotzten Version des Rose Tattoo-Klassikers ›Nice Boys‹ gipfelte«, lacht Skagen. »Einer dieser Vollgas-Auftritte, für die man frenetisch vom Publikum gefeiert wird und temporär auf Wolke sieben schwebt. Danach saßen wir zusammen und haben ordentlich gebechert. Solche Momente münden gerade bei Biff oftmals in einen Zustand überbordender Euphorie. In diesen Situationen ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Auch an diesem Abend war er Feuer und Flamme für meinen Vorschlag, neue Songs zu komponieren, aber ich kenne ihn und seine mentale Wandlungsfähigkeit mittlerweile sehr gut. Als wir nach der nächtlichen Fahrt in unserem Bus am nächsten Tag einigermaßen nüchtern in Valencia aufwachten, habe ich ihn also gefragt, ob er sich noch an unser am Abend zuvor besprochenes Vorhaben erinnere und noch immer fein damit sei. Und siehe da: beides traf zu, einem neuen Gluecifer-Album stand ab diesem Moment nichts im Wege!«
Mit Karacho in die Sackgasse
Nichts — lediglich die Band sich selbst, wie Arne Skagen rückblickend grinsend konstatiert. Das erste Treffen im Osloer Studio ihres Live-Mischers kommt holprig in Gang und zeigt den erfahrenen Musikern ihre stilistischen Grenzen auf. »Als wir uns Anfang 2023 für eine erste Session trafen, hatten sowohl Raldo als auch ich einige Ansätze dabei, die wir gemeinsam mit der ganzen Band weiter ausarbeiten wollten. Einige der Ideen führten zum Ziel, so wie die für das Stück ›Pharmacity‹, das auf Same Drug New High gelandet ist. Mit anderen aber rauschten wir mit Karacho in die Sackgasse, weil sie uns vor Augen führten, dass musikalische Präferenzen nicht zwangsläufig funktionieren, wenn man sie mit der eigenen Band umsetzt. Wir sind allesamt große Boogie-Rock-Fans. Wenn wir allerdings selbst etwas in dieser Richtung spielen, klingt das einfach scheiße. Also haben wir diese vermeintlichen Geistesblitze ganz schnell wieder verworfen. Sei’s drum!«
Bei einer weiteren Studiozusammenkunft der fünf Musiker im Herbst 2024 entsteht indes genug Material, um mit einem neuen Album vorstellig zu werden. Dass die Band in den Räumlichkeiten im Wesentlichen autark arbeitet und auf einen externen Produzenten verzichtet, habe »nicht ausschließlich monetäre Gründe«, wie Skagen verlautbart. »Wir wissen sehr gut, wo wir in Sachen Sound hinwollen, und verfügen mittlerweile auch über das Know-how, diesen Weg im Studio allein zu gehen. Ein Außenstehender ist sicherlich hilfreich, wenn es darum geht, einen Schlussstrich zu ziehen und eine Komposition einfach als Schnappschuss der jeweiligen Zeit stehen zu lassen. Wenn man als involvierter Musiker gleichzeitig als Produzent fungiert, neigt man dazu, sich endlos an Kleinigkeiten aufzureiben. Zumindest in meinem Fall ist das manchmal so. Aber die Platte ist jetzt in trockenen Tüchern, und wir sind glücklich mit dem Ergebnis!«
Das dürften auch die sein, die schon vor 25 Jahren ihren Spaß mit der Combo aus Oslo hatten. Ebenso diejenigen, die generell einen Narren an schnoddriger, hochenergetischer Rockmusik gefressen haben. Schließlich müssen sich Nummern wie das wuchtig pumpende Titelstück, die zügellose Ode an frühe Gluecifer-Tage ›1996‹, das melodisch glitzernde ›Another Night, Another City‹ und der mit derben Riffs jonglierende Rocker ›I’m Ready‹ nicht hinter den Großtaten des früheren Karriereabschnitts der Band verstecken.
»Wir haben uns in den vergangenen zwei Dekaden nicht viel verändert«, ist sich Arne Skagen sicher. »Tief in unserem Inneren sind wir Rock’n’Roll-verrückte Kids geblieben, die aber hinsichtlich ihres Benehmens ein bisschen reifer geworden sind und nicht mehr ganz so viel Unfug anstellen wie in den Neunzigern, in denen aber nach wie vor das nötige Feuer lodert. Ich muss vor allem eine Lanze für Biff Malibu brechen: Der Kerl ist unglaublich und hat über die Jahre nichts von seiner facettenreichen Art zu singen eingebüßt. Vielen anderen würde das Umschalten zwischen seriösem Polit-Journalismus und versifftem Rock’n’Roll-Club wahrscheinlich das Genick brechen oder sie zumindest ins Schwitzen bringen. Aber der Typ verschwendet keinen Gedanken an diesen Weltensprung, sondern lässt den Dingen einfach ihren Lauf — Respekt dafür!






