Jane Lee Hooker

Intensive Bekehrung

Ob es am Fußball-Europa-League-Kracher zwischen Frankfurt und Glasgow gelegen hat, dass nur ein paar Dutzend Musikfreunde den Deutschland-Tourstart von Jane Lee Hooker in Mannheim erleben wollten? Wer der Damenriege aus Brooklyn den Vorzug gegeben hat, erlebte jedenfalls einen fulminanten, gutgelaunten und engagierten Auftritt.

TEXT: MARKUS BARO |FOTO: PR

Ihr gerade erschienenes drittes Album Rollin’ überrascht mit größerer Melodievielfalt und mit ›All Good Things‹, einer positiv aufgeladenen Hymne für die zurückkehrenden Lebensgeister, findet der Fünfer Punkt 21 Uhr auch einen starken, wenngleich musikalisch noch recht zurückhaltenden Einstieg. Das nachfolgende ›How You Doin’‹ ist ungleich typischer, eine Verschmelzung von Gossen-Rock und Blues, die ganz schnell mit fast punkiger Energie explodiert.

So mancher Besucher wirkt ob des unerwarteten Temperamentsausbruchs ziemlich überrascht, aber hinter seinen männlichen Kollegen muss sich gerade das Gitarren-Duo Tina Gorins und Tracy Almazans nicht verstecken. Eng verzahnen sie ihre lässigen Saiten-Dialoge im Geiste der Black Crowes und erinnern in den bluesigen Momenten an das Stones-Gespann Keith Richards und Ron Wood zu seinen besten Zeiten.

Frontfrau Dana Athens dagegen glänzt als Soul-Diva wie als Blues-Röhre gleichermaßen und sorgt im ekstatischen ›Didn’t It Rain‹ für meterhohe Gänsehaut. Mit dem anschmiegsamen Southern-Gospel ›Weary Bones‹, dem räudigen Kraft-Blues ›Lucky‹ und dem balladesken ›Drive‹, bei dem sich Athens ans Keyboard zurückzieht, bieten Jane Lee Hooker ihrer neugewonnenen musikalischen Vielseitigkeit Raum zur Entfaltung.

Spätestens mit dem mitreißenden Blues-Shuffle ›Shake For Me‹ sind die Mädels wieder voll in der Spur und verlieren sich in einem launigen Jam, der an Golden Earrings ›Radar Love‹ denken lässt. Das Trommel-Solo ihres männlichen Neu-Mitglieds Ron Salvo leitet über in den furiosen Schlussakkord ›Mean Town Blues‹ von Johnny Winter, den das Quintett zu einem Riff-Rocker erster Güte umgemodelt hat.

Und wer immer noch denkt, der Blues sei eine reine Männerdomäne, wird spätestens bei der ersten Zugabe nicht nur eines Besseren belehrt, sondern regelrecht bekehrt. Den Muddy Waters-Klassiker ›Mannish Boy‹ hat man selten mit derartiger Hingabe zelebriert erlebt. Der abschließende Hochgeschwindigkeits-Rocker ›Runaway Train‹ kickt noch einmal ordentlich und beendet den intensiven, nur siebzigminütigen Auftritt leider etwas abrupt.


Dieser Text stammt aus ROCKS Nr. 89 (04/2022).


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