Ein kreativer Geist schert sich wenig um Chronologie. Beim Interview ist Michael Schenker seiner Zeit voraus, als er Einzelheiten zu seinem vermeintlich aktuellen Album preisgibt und begeistert wie detailreich von Saxofon- oder Piano-Einlagen schwärmt. Es dauert eine Weile, bis ihm auffällt, dass er sich ordentlich verzettelt hat — und von dem letzten Teil seiner Album-Trilogie erzählt, die mit My Years With UFO begann und aktuell beim zweiten Teil angelangt ist, der in Don’t Sell Your Soul nun der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Zwischen Juni 2023 und Februar 2024 hat Schenker insgesamt drei Platten aufgenommen, die jeweils eine seiner früheren Schaffensphasen huldigt; wann dann welche Scheibe veröffentlicht wird, das ist für den sensiblen Musiker schon wieder nebulöser Schnee von gestern. Zumal im Januar auch noch die Aufnahmen eines Live-Albums in Japan geplant sind, bei denen die aktuellen Studio-Musiker anstelle seiner Tour-Band auf der Bühne stehen werden.
»Gut, dann eben der Reihe nach«, lacht der aufgekratzt wirkende Gitarrist. »Zunächst war es mir wichtig, den Leuten in Erinnerung zu rufen, dass mein musikalischer Weg schon vor MSG begonnen hat. Viele wissen das gar nicht mehr. Deshalb habe ich My Years With UFO gemacht. Ich hätte die Platte auch „My Songs With UFO“ nennen können, denn es waren ja meine Lieder. Und ohne mich hat die Band nicht sehr viel auf die Reihe gebracht. Don’t Sell Your Soul beruft sich auf den melodischen Stil, den ich Mitte der Achtziger mit der McAuley Schenker Group verfolgt habe. Ich mag einfach gute Melodien, gute Songs. Für den letzten Teil der Reihe hatte ich eigentlich geplant, akustische und elektrische Instrumentalstücke aufzunehmen. Aber dann hat Michael Voss zu ein, zwei Stücken gesungen, was mir so gut gefallen hat, dass es jetzt doch ein Album mit Vocals werden wird. Aber eins, das ganz anders klingt als alles, was ich bis heute gemacht habe. Ich bin sehr stolz auf die Scheibe und kann es nicht erwarten, dass sie erscheint. Aber das wird wohl erst so gegen Ende nächsten Jahres sein.«
Wenn man von oder mit Michael Schenker spricht, fällt unweigerlich der Name Michael Voss. Ohne den Musiker und Produzenten, der einst als Sänger von Mad Max und Casanova in Erscheinung trat, hätte Schenkers Karriere wohl nicht mehr derartig Fahrt aufgenommen. Die nunmehr gut 15-jährige Zusammenarbeit der beiden ist von großem gegenseitigem Respekt und sehr viel Harmonie geprägt. Auf Don’t Sell Your Soul übernimmt der in den Schwarzwald ausgewanderte Münsteraner den überwiegenden Teil der Gesangsaufgaben, zudem sind Erik Grönwall (Skid Row, H.E.A.T) und Robin McAuley und Dimitri „Lia“ Liapakis zu hören.
»Ich vertraue Vossi blind. Er nimmt mir eine große Last von den Schultern, organisiert die Aufnahmen, kümmert sich um Gastmusiker und schlägt mir auch mal passende Sänger vor. Und ich fühle mich mit den Songs, die er für mich schreibt, einfach unglaublich wohl. Er spielt mir etwas vor und ich habe sofort die passenden Melodien oder Tonfolgen im Kopf. Auch wenn es ein etwas ungewöhnliches Stück ist, wie ›Janey The Fox‹ vom neuen Album, klingt es am Ende zu hundert Prozent nach MSG. Zudem ist Michael ein Kind der Achtziger — und das war eine Zeit, die für meine musikalische Entwicklung sehr wichtig gewesen ist.«
Den Albumtitel Don’t Sell Your Soul hat Schenker sehr bewusst gewählt. Seine Seele verkauft hat der Gitarrist nie und ist stets seinen Instinkten gefolgt. Leichter ist sein Weg dadurch sicher nicht geworden. Gerade in den Achtzigern nicht, und deswegen passe es, dass eins seiner Alben, das musikalisch in dieser Epoche gründet, auch diesen Titel trägt. Gut gefalle ihm in diesem Zusammenhang auch die Textzeile „protected by the light“. »Ich glaube, irgendwo da oben ist ein Licht, das mich beschützt und möchte, dass ich noch eine Weile weitermache. Und es war wohl definitiv eine höhere Macht, die mich in dieser verrückten Zeit beschützt hat.«
Verrückt trifft es wohl ganz gut. Schenker wird zu Beginn der achtziger Jahre von so vielen Bands umworben, dass er selbst den Überblick verloren hat. Aber nicht bei Aerosmith, Rush oder Deep Purple, nicht einmal bei den Rolling Stones sei er schwach geworden. Einzig Ozzy Osbourne hätte es beinahe geschafft, den Virtuosen zum Einstieg zu bewegen, verrät er.
»Am Ende stand aber die entscheidende Frage, ob ich mich künstlerisch einbringen oder den Sound auf ein höheres Level hätte bringen können. Die Antwort auf beide Fragen war nein. Ich wäre alleine wegen der optischen Ähnlichkeit und der gleichen Gitarre nur ein Ersatz für Randy Rhoads gewesen. Und das hätte mich zerstört. Die Menschen, die mich damals für verrückt erklärt und mir gesagt haben, ich könnte reich und berühmt werden, haben nie verstanden, dass es mir genau darum nie gegangen ist. Materielle Dinge haben mich nie interessiert. Als Kind musste ich immer die alten Klamotten meines älteren Bruders auftragen oder bekam das alte Fahrrad, das Rudolf nicht mehr haben wollte. Ich habe deswegen aber nie geheult, sondern lieber meinen eigenen Style entwickelt.«
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