Kai Havaii

Hyperion

Rütten & Loening
VÖ: 2022

Undercover im Terrornetzwerk

Nach seinem fulminanten Romaneinstand Rubicon vor drei Jahren hat Kai Havaii offenbar im Thriller-Genre ein neues ergiebiges Betätigungsfeld gefunden. Dass er über ausreichend Atem für die Langstrecke verfügt, hat der Sänger und Texter von Extrabreit seinerzeit unter Beweis gestellt. Entsprechend hoch durften daher die Erwartungen an seinen zweiten Band sein. Der ist durchaus gelungen, hält das Niveau des Erstlings allerdings nicht ganz.

Mit dem Protagonisten Felix Brosch schickt Havaii eine Figur ins Abenteuer, dessen Biografie der Hauptfigur seines Erstlings nicht unähnlich ist. Brosch, einstiger Elitesoldat in Afghanistan und hernach Agent beim Militärischen Abschirmdienst (MAD) hat seinen Dienst lange quittiert und lebt als Koch und weitestgehend als Einsiedler auf einer Berghütte in den Alpen. Seinen Sohn hat er einst auf tragische Weise verloren, seine Ehe ist gescheitert.

Als er in den Bergen unverhofft Besuch von einer ehemaligen Kollegin des Bundesnachrichtendienstes (BND) bekommt, ist es mit seinem Ruhestand vorbei. Der deutsche Geheimdienst hat über den israelischen Mossad Erkenntnisse erlangt, dass sein englischer Cousin Simon Jenkins ein führendes Mitglied der rechtsradikalen Terrororganisation Symbotic Liberation Force ist, die für grausame Attentate auf Juden in verschiedenen Ländern verantwortlich ist.

Der naheliegende Plan: Felix soll seine verwandtschaftliche und früher äußerst gute freundschaftliche Beziehung zu Simon nutzen und undercover die Organisation ausspionieren und auch ihren Kopf, den mysteriösen Hyperion enttarnen.

Der Plan geht zunächst auf, aber dann läuft etwas schief, und in einem weiten Bogen führt Havaii die Handlung von einem geheimen Ausbildungscamp in Schweden über Israel bis in einen Kerker der Hisbollah im Libanon, wohin Brosch und die Mossad-Agentin Yael nach einer gescheiterten Mission in der Türkei verschleppt, gefangengenhalten und gefoltert werden. Auch Israels Erzfeind Iran ist in die Sache verwickelt.

Das klingt komplex und ist es auch, wird von Havaii aber schlüssig und durchaus stringent erzählt. Dabei nimmt er sich abermals viel Zeit, die Biografien diverser Figuren und ihre Motivation zu beleuchten. Für die hier konstruierten Zusammenhänge bietet die Realität hinreichend Indizien, was die Story plausibel macht. Einige dramaturgische Kröten sind gleichwohl zu schlucken, auch das Ende der Geschichte mutet ein wenig bemüht an.

Aber das tut der Unterhaltung keinen Abbruch. Ärgerlich allerdings, dass das Lektorat auch diesmal wieder versäumt hat, diverse Redundanzen und vermeidbare Fehler wie etwa falsche Namen zu beseitigen. Wer sich das Lesevergnügen dadurch nicht trüben lässt, dem bietet Hyperion kurzweilige, spannende Stunden.

Keine Wertung
TEXT: AMIR SHAHEEN

ROCKS PRÄSENTIERT

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Cover von ROCKS Nr. 101 (04/2024).