Schon vor Beginn hängt an diesem Samstagabend folgerichtig ein Ausverkauft-Schild an der Tür. Das freut nicht zuletzt auch die Vorband Warwolf, die nur eine halbe Stunde nach Einlass auf die Bühne darf. Die aus den Power-Thrashern Wolfen hervorgegangenen Kölner sind hörbar Fans von Iron Maiden, verarbeiten aber auch Einflüsse deutschen und amerikanischen Echt-Metalls. Mit dieser Mixtur rennen sie heute offene Türen ein, zumal sie entschieden mitreißender klingen als auf ihren Studio-Werken. Überdies blüht ihr ausdrucksstarker wie sympathischer Frontmann Andreas von Lipinski auf der Bühne besonders auf.
Dass viele nicht nur wegen des Headliners gekommen sind, zeigt sich beim umjubelten Start des Victory-Auftritts: Der Temples Of Gold-Kracher ›Rock The Neighbours‹ wird stimmgewaltig mitgebrüllt, was nicht nur Gitarrist und Bandboss Herman Frank ein zufriedenes Grinsen ins Gesicht zaubert. Der stets bemützte 66-Jährige hat sichtbar großen Spaß und spielt sich mit seinen Kollegen beherzt die musikalischen Bälle zu — schade nur, das man sein Spiel aufgrund des Mixes kaum hören kann, wenn man auf der von ihm abgewandten Bühnenseite steht. Stimmungsgaranten sind natürlich die Nummern aus der Hochphase der Band zwischen Don’t Get Mad… Get Even (1986) und Temples Of Gold (1990), die heute drei Viertel der Setliste bilden. Vervollständigt wird diese vom Titelstück des Comeback-Albums Gods Of Tomorrow (2021) sowie ›Surrender My Heart‹ und dem ausgesprochen programmatischen ›Tonight We Rock‹ vom aktuellen Werk Circle Of Life. Wahrscheinlich am lautesten mitgesungen wird indes der angespielte und von ihm bekanntermaßen einst mitverfasste Accept-Klassiker ›Balls To The Wall‹, was Frank mit gespielter Überraschung quittiert.
Das alles ist aber kein Vergleich zu dem, was sich im Anschluss bei Grave Digger abspielt. Das Publikum, sichtlich in bierseliger Feierlaune, öffnet gleich beim Auftakt ›Kingdom Of Skulls‹ (Bone Collector, 2024) einen Moshpit, der erst nach dem eher bedächtigen ›Under My Flag‹ (The Reaper, 1993) zwei Nummern später vorerst endet, weil Frontmann Chris Boltendahl um eine Pause von drei Stücken bittet — danach öffnet er sich sogleich wieder. Das geradezu unbändige Energielevel aus dem Publikum überträgt sich auch auf die Bühne: Schlagzeuger Marcus Kniep erzeugt mit Bassist Jens Becker ein drückendes Rhythmus-Fundament, auf dem der neue Gitarrist Tobias Kersting breit grinsend und ohne wahrnehmbare Keyboard-Unterstützung schneidende Riffs und Soli legt.
Boltendahl gibt derweil den charmanten und stimmlich bestens aufgelegten Zeremonienmeister, der passend zum Tourmotto die eine oder andere Anekdote zum Besten gibt. Etwa vor dem live lange ignorierten The Reaper-Stück ›Shadow Of A Moonless Night‹, das in seiner Ursprungsform vom Bottles And Four Coconuts-Demo von Hawaii stammt. »Was uns auch immer damals dabei geritten hat«, kommentiert der 63-Jährige Sänger lachend nicht zuletzt die Namenswahl jener Übergangsformation, die er in der Bandpause in den ausgehenden Achtzigern mit Uwe Lulis ins Leben rief und die zur Keimzelle der späteren Neugründung wurde. Abgesehen vom unverzichtbaren Konzertabschluss ›Heavy Metal Breakdown‹ vom gleichnamigen Debüt ist es an diesem Abend das älteste Stück der Setliste. Vornehmlich konzentriert sich die Band auf Material nach besagter Rückkehr bis einschließlich The Grave Digger (2001), darunter auch einige Archivperlen wie eben ›Shadow Of A Moonless Night‹ oder ›Back To The Roots‹ (Symphony Of Death-EP, 1994). Außerdem ist das aktuelle Bone Collector mit drei Stücken vertreten, ›Killing Is My Pleasure‹ als Zugabe. Zu einer denkwürdigen Veranstaltung wird das Konzert bereits zum Ende des regulären Teils: Für ›Rebellion (The Clans Are Marching)‹ begrüßt die Band Jamiro Boltendahl auf der Bühne, der an der Seite seines Vaters den Klassiker singt. Und dabei zeigt, dass sich das Bühnen-Gen offensichtlich vererbt hat.
Setliste Grave Digger:
Kingdom Of Skulls
The Grave Dancer
Under My Flag
The House
Valhalla
The Keeper Of The Holy Grail
The Dark Of The Sun
The Curse Of Jacques
Shadows Of A Moonless Night
The Round Table (Forever)
Excalibur
The Devils Serenade
Back To The Roots
Rebellion (The Clans Are Marching)
+++
Scotland United
Killing Is My Pleasure
Heavy Metal Breakdown








