Accept

Der Tiegel kocht

Accept sind eine Maschine. Es gab Phasen, in denen ihr Motor weniger rund lief — zerstört hat sie das nicht. Im 47. Jahr ihres Bestehens stehen die Stammväter der deutschen Stahlschmiedekunst glänzend da, wenn auch vom Originalzustand fast nichts mehr geblieben ist.

TEXT: MAXIMILIAN BLOM |FOTO: 2021 Deaf Music Inc.

Nachdem Bassist Peter Baltes 2018 den Dienst quittierte, ist von der glorreichen Achtziger-Besetzung einzig Gitarrist Wolf Hoffmann übrig. Was aber nur stramme Traditionalisten als Problem ansehen, denn seit dem Einstieg von Sänger Mark Tornillo vor 14 Jahren sind der mittlerweile größtenteils in Nashville beheimateten Truppe fünf durchweg starke Spätwerke geglückt. Nachdem ihre Rundreise zu Too Mean To Die (2021) gleich zweimal verschoben werden musste, erlebt sie nun in passender Location ihren Auftakt.

Mit der Herstellung der Betriebstemperatur sind auf dieser Tournee The Iron Maidens betraut. Wenig überraschend funktioniert das hervorragend: Die fünf Frauen aus Kalifornien, der einst auch die Gitarristin Nita Strauss angehörte, ehe sie in die Band von Alice Cooper wechselte, bringen das Material der von ihnen gecoverten Metal-Legende blitzsauber auf die Bretter und spielen mit ›Genghis Khan‹ (Killers, 1981) und ›Caught Somewhere In Time‹ (Somewhere In Time, 1986) sogar zwei Nummern, die ihr Vorbild seit den Achtzigern nicht mehr live gewürdigt hat.

Schade nur, dass sie sich keines Bayley-Stückes annehmen — diese würden der recht tiefen Stimme von Kirsten Rosenberg sicher gut zu Gesicht stehen. Bei aller Qualität bleibt aber die Frage, warum anstelle einer Tributband nicht eine junge Truppe mit eigenem Material die Chance bekommt, sich in der nahezu ausverkauften Turbinenhalle vorzustellen.

Nach dieser gelungenen Vorarbeit brauchen Accept nur ungefähr acht Takte, um das Publikum in kollektive Ekstase zu versetzen. Das Eröffnungsdoppel ›Zombie Apocalypse‹ und ›Symphony Of Pain‹ ist zwar neu, die Show selbst hingegen bestens bekannt: Mit welcher Freude Hoffmann und sein 2019 zugestiegener Counterpart Philip Shouse ihre Flying Vs wahlweise schwingen lassen oder in breitbeiniger Pose auf den Podesten am Bühnenrand präsentieren, reißt jedes Mal aufs Neue mit.

Den unaufhaltsamen, zuweilen maschinellen Beat halten derweil Schlagzeuger Christopher Williams, Bassist Martin Motnik und Uwe Lulis als dritter Sechssaiter, zumeist im Halbschatten der hinteren Podeste. Fast schon unscheinbar, würde ihn nicht ebenso wie Hoffmann dauerhaft ein Lichtkegel verfolgen, agiert dagegen Sänger Tornillo.

Große Ansagen oder Anfeuerungen braucht der Amerikaner aber auch nicht zu machen, denn Begeisterung lösen nicht zuletzt die zeitlosen Klassiker aus. Die bilden ungefähr die Hälfte des Programms: der Restless And Wild-Titelsong und ›London Leatherboys‹ (Balls To The Wall, 1983) etwa gleich zu Beginn oder das vom Frontmann treffend als »Riff-Feuerwerk« angekündigte Medley aus ›Demon’s Night‹ (Restless And Wild, 1982), ›Starlight‹ (Breaker, 1981), ›Losers And Winners‹ (Balls To The Wall) sowie ›Flash Rockin’ Man‹ (Restless And Wild) in der Mitte.

Besondere Aufmerksamkeit verdient hätte auch das intensive ›The Best Is Yet To Come‹ (Too Mean To Die) sowie die mit Geigerin Ava-Rebekah Rahman uraufgeführte Dvořák-Interpretation ›Samson And Delilah‹, die für das in den Staaten gespielte ›Objection Overruled‹ in die Show rutschte. Sie sind aber nur eine Verschnaufpause im ansonsten durchgehenden Riff-Sturm. Auf die Metal-Institution trifft der alte VW-Käfer-Werbespruch bestens zu: Sie läuft und läuft und läuft. Präzise, verlässlich, unkaputtbar.


Setliste Accept

Zombie Apocalypse
Symphony Of Pain
Restless And Wild
London Leatherboys
Midnight Mover
The Abyss
No Shelter
Overnight Sensation
Demon’s Night / Starlight / Losers And Winners / Flash Rockin’ Man
Breaker
The Best Is Yet To Come
Samson And Delilah
Princess Of The Dawn
Fast As A Shark
Metal Heart
Teutonic Terror
Pandemic

Hung, Drawn And Quartered
Balls To The Wall
I’m A Rebel


Dieser Text stammt aus ROCKS Nr. 93 (02/2023).

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