Tell

TELL! - Original CD-Fassung des Rock-Musicals

MIG
VÖ: 2020

Ein Schuss in den Apfel

Zwei Schweizer sind schuld an diesem schrägen Musical: der Autor Beat Hirt und der Musiker Tommy Fortmann. Ersterer Mitbegründer der Jugendzeitschrift Pop, letzterer Musiker der Band Demon Thor brachten es fertig, für diese krude Melange aus Rock, Disco-Sound und Schlager eine erstaunliche Mannschaft zusammenzutrommeln: Alexis Korner und Udo Lindenberg machten mit, auch Romy Haag und Jürgen Drews standen für die Aufnahmen im Frühling 1977 am Mikro.

Zu den Musikern gehörten unter anderen Frank Diez, Uli Jon Roth und Curt Cress. Wilhelm Tell wird verkörpert von Jürgen Drews, dessen erster Auftritt (›Amigo‹) mit flatternder Stimme als Rocknummer mit schneidenden Gitarren anfängt und im Refrain zum Prä-Ballermann-Schlager mutiert. Su Kramer, der Star der deutschen Bühnenfassung des Musicals Hair, zittert sich mit perfekter Dramatik als Hedwig Tell durch die überorchestrierte, operettenhafte Ballade ›Helden‹. Eine Figur namens Gitarrist wird verkörpert von Udo Lindenberg, und der singt in ›Gitarrenlied‹ Zeilen wie: „Mein Song ist manchen ziemlich unbequem, doch ich hatte, ich hatte faulen Apfelbrei“. Dazu jubiliert ein Riesenchor. Der ›Rock Tell‹ klingt erstaunlicherweise wie eine Mischung aus Boney M. und Chic, und Alexis Korner legt dem Landvogt Gessler die verwirrenden Worte „Cocktails, bla bla, das gehört nun mal zum Job“ in den Mund und klingt dabei wie ein verloren gegangener Zwilling von Gunter Gabriel.

Man fragt sich nicht nur einmal, welche Drogen beim Schreiben der Texte im Spiel gewesen sein mögen. »Fortmanns Musik, zwischen Neil Diamond und Zarathustra, Soul-Elementen und Rock-Rhythmen, ist intelligent komponiert und anspruchsvoll«, schrieb Die Welt im August 1977. Der erste Teil des Satzes beschreibt den Inhalt dieser leicht toxischen Mischung ganz gut, über den zweiten lässt sich diskutieren. Für Menschen auf der Suche nach dem Abseitigen und Obskuren dürfte diese Veröffentlichung eine Fundgrube sein. Hat man die reguläre CD überlebt, tut sich eine weitere Wundertüre auf: die Bonus CD mit den Demo-Fassungen.

Keine Wertung

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