Miles Davis

Jack Johnson (1971)

Als der radikale Rock zu seinem Siegeszug in der populären Musik ansetzte, suchte Miles Davis nach neuen Ausdrucksformen für seinen Jazz. Gefunden hat er sie unter anderem im Schaffen von Jimi Hendrix und Sly Stone.

TEXT: DANIEL BÖHM

Knapp zwei Jahre dauerte seine Beziehung mit Betty Mabry, die Miles Davis mit der Musik von James Brown und Jimi Hendrix vertraut machte. In seinem eigenen Schaffen wurde dies bereits 1968 auf Filles de Killimanjaro hörbar — wenngleich noch als zarte Abdrücke und nicht ansatzweise vergleichbar mit den beiden im Folgejahr erschienenen Alben In A Silent Way und Bitches Brew, die den Trompeter vom bläserdominanten Jazz immer tiefer in die elektrifizierte Instrumentalwelt des Rock eintauchen ließ.

Dass das als Soundtrack eines Dokumentarfilms über den gleichnamigen Boxer gedachte Jack Johnson noch ungestümer und dreckiger und geriet, kam nicht von ungefähr: Als sich am 7. April 1970 Gitarrist John McLaughlin, Bassist Billy Henderson und Schlagzeuger Billy Cobham (bald zusammen mit McLaughlin im Mahavishnu Orchestra unterwegs) im Studio einfinden, vertreiben sich die Musiker die Wartezeit auf ihren Bandleader mit einem Jam — kurzerhand setzte Produzent Teo Macero den zufällig vorbeischauenden Herbie Hancock hinter die Orgel; Miles’ Trompete und das Sopransaxofon von Steve Grossman kamen beim Zusammenschneiden des Albums hinzu.

Eindeutiger als im die gesamte erste Plattenseite einnehmenden Shuffle ›Right Off‹ hat Davis nicht noch einmal Rock-Musik gespielt, der immense Groove seiner hart-swingenden Rhythmusgruppe ist schlicht famos, die Einschlüsse zweier Adaptionen von Sly Stone wirken wie Brandbeschleuniger. Auch ›Yesternow‹ streckt sich über 25 spannende Minuten — der Bassriff dieses Kunst- und Klangspielplatzes stammt aus James Browns ›Say It Loud, I’m Black And I’m Proud‹, die Wah-Wah-Gitarren und das Unisonospiel mit dem Basslauf im letzten Drittel ist ein Fingerzeig auf Jimi Hendrix.

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