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James Greene Jr.

Magnum Opus. The Unbelievable 15-Year-Saga of Guns N’ Roses’ Chinese Democracy

VÖ: 2026

Wenn im Studio der Wahnsinn regiert

Als Guns N’ Roses im November 2008 endlich ihr längst, je nach Perspektive legendäres oder zum Running Gag avanciertes Album Chinese Democracy vorlegten, blieb der große Wirbel aus. Klar, jeder hatte was dazu zu sagen. Es gab wohlwollende Reviews ebenso wie üble Verrisse. Aber am Ende hatte das Warten einfach zu lange gedauert. Die Scheibe konnte die exorbitanten Erwartungen der einen nicht mehr erfüllen, während es den anderen schlicht egal war. Auch die erwartete große Marketingkampagne blieb aus. Die Band, allen voran Axl Rose, war abgetaucht, von Universal kam nicht viel, und die Tour sollte erst mehr als ein Jahr später beginnen.

Aber weshalb hat es so lange gedauert? Wieso brauchte es 15 Jahre, um Chinese Democracy fertigzustellen? Dieser Frage geht Musikjournalist James Greene Jr. in Magnum Opus nach. Tief gegraben hat er, sich durch Presse- und Online-Archive gewühlt, unzählige Interviews geführt mit Menschen, die zeitweise mit der Band im Studio waren zwischen 1993 und 2008. Auch mit ehemaligen Bandmitgliedern wie Chris Pitman hat er gesprochen, mit Alan Niven und Tom Zutaut, mit Studiocrews, Journalisten und Insidern der Musikindustrie. Was aber wie erwartet fehlt, sind O-Töne aktueller Bandmitglieder, allen voran Axl Rose selbst. Trotzdem ist es Greene gelungen, ein stimmiges Bild dieser verlorenen Jahre einer der einst größten Rockbands der Welt zu zeichnen.

Schnell wird klar, was lange Zeit schon gemunkelt wurde: Chinese Democracy hat keine 15 Jahre bis zur Fertigstellung gebraucht, sondern nicht einmal halb so lang. Um die Jahrtausendwende herum waren sogar bereits genug Songs für locker zwei Alben weitgehend fertig und intern der baldige Release angedacht. Man kann nur mutmaßen, welchen Impact die Platte gehabt hätte, wäre sie damals bereits erschienen. Ohne dass Rose und Co. noch weitere sieben bis acht Jahre daran herumdoktern und fertigen Songs Elemente hinzufügen, über deren Nutzen sich trefflich streiten lässt. Denn zumindest in diesem Punkt dürfte Einigkeit bestehen: Ob man die Platte nun mag oder nicht, sie ist hoffnungslos überproduziert. Weniger wäre mehr gewesen.

Vor allem in den Neunzigern, so zeichnet Greene es nach, regierte im Studio der Wahnsinn, und es erscheint bisweilen als kleines Wunder, dass nicht der eine oder andere darüber den Verstand verloren hat. Das alte Line-up der Band brach Stück für Stück auseinander, neue Musiker, Produzenten und Manager gaben sich die Klinke in die Hand. Manche blieben nur Tage, andere Jahre, manche wurden gefeuert, andere warfen das Handtuch, weil ihnen alles zu lange dauerte oder weil sie die täglichen Absurditäten nicht mehr ertrugen. In den Studiofluren stapelten sich Kisten mit Aufnahmen, weil wirklich jeder Akkord aufgezeichnet und behalten wurde auf der Suche nach der einen zündenden Idee. Zeitweise ließ sich Rose gar nicht mehr im Studio blicken, sondern hörte sich die Aufnahmen zu Hause an und teilte der Band dann mit, an welchen Schnipseln es sich lohnte, weiter zu arbeiten.

Dass es nicht voran ging, lag im Kern, so lässt sich herauslesen, wohl an zwei Aspekten. Zum einen an Rose selbst, der in seinem Perfektionismus die Orientierung verlor; zum anderen an Akteuren bei Plattenfirma und Management, die das Projekt, als die Songs bereits da waren, scheitern sehen wollten in der Hoffnung, eine Reunion zu erzwingen, denn dort witterten sie (nicht zu Unrecht) deutlich mehr Geld. Und so ist Greenes Buch ganz nebenbei auch eine Geschichte des krassen Wandels in der Musikindustrie, in der am Ende nur noch Geld zählt und musikalische Qualität keine Rolle mehr spielt.

Für alle Beteiligten waren diese 15 Jahre zweifellos ein zermürbender Ritt, der sich in Greenes Buch aber höchst unterhaltsam und spannend liest. Hier und da muss man laut lachen angesichts des gesammelten Irrsinns, zum Beispiel wenn Guns Ende der Neunziger das Studio wechseln und die Crew im Village Recorder denkt, dass sie helfen wird, dieses sagenumwobene Album fertigzustellen, nur um zu sehen, dass im Laufe der nächsten Monate erstmal Appetite For Destruction neu eingespielt wird — warum auch immer… Oder dass Bryan Mantia sich von Mitarbeitern von Universal sämtliche bisher aufgenommenen Drumtracks transkribieren lässt, weil Rose ihn bittet, alle Takes seines Vorgängers Josh Freese erneut aufzunehmen, nur eben in seinem eigenen Stil.
Magnum Opus ist rasant, witzig, kenntnisreich und obendrein verdammt gut geschrieben. Für alle, die sich für die wendungsreiche Geschichte des wohl umstrittensten Albums der jüngeren Musikgeschichte interessieren, ist es die definitive Lektüre.

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