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Amorphis

Es muss nicht alles depressiv sein

Als gleichsam wandel- wie unverwechselbare Band wissen Amorphis auf jedem neuen Album zu überraschen. Borderland könnte eine neue Ära ihrer Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen — festlegen wollen sich die melancholischen Progressive Metaller aber noch nicht.

TEXT: MAXIMILIAN BLOM |FOTO: Sam Jamsen

Amorphis genießen derzeit die erfolgreichste Phase ihrer bisherigen Karriere. Mit Under The Red Cloud (2015) knackten die Finnen erstmals die Top 10 der deutschen Albumcharts, für Queen Of Time (2018) und Halo (2021) ging es mit den Plätzen vier und drei noch höher hinaus. Produziert wurden die Scheiben vom Schweden Jens Borgren. In der Arbeitsweise der Progressive Metaller erhält der jeweilige Studiofachmann eine zentrale Funktion: Er überwacht nicht nur die technischen Aspekte der Aufnahmen, sondern ist auch in die Arrangement-Arbeit eingebunden. Vor allem aber wählt er aus den Demos, die die Bandmitglieder in der Vorbereitungsphase zu einem neuen Werk anfertigen, jene Songs aus, die letztlich auf dem Album landen.

»Das ist sogar einer der Hauptgründe, warum wir nach The Beginning Of Times (2011) wieder einen hauptamtlichen Produzenten engagiert haben!«, erklärt Keyboarder Santeri Kallio. »Jeder von uns trägt zum Songwriting bei — schon zu Zeiten von Eclipse (2006) und Silent Waters (2007) hatten wir in der Demophase viel zu viel Material und mussten deshalb ein Verfahren zum Aussortieren finden. Um Streit innerhalb der Band zu vermeiden und uns ganz auf die Musik fokussieren zu können, lassen wir das daher den jeweiligen Produzenten machen. Er ist objektiv und hängt nicht emotional an einer Songidee. Für Borderland hatten wir 25 Demos! Für uns selbst wäre es unmöglich gewesen, 15 Ideen auszusortieren.«



Diese Aufgabe übernahm bei der 1990 als melodische Death-Metal-Band mit zunächst bloß progressiven Schlieren gegründeten Formation heuer erstmals Jacob Hansen. Der erfahrene Däne, der in der Vergangenheit unter anderem für so unterschiedliche Bands wie Volbeat, Pretty Maids, aber auch Arch Enemy tätig war, brachte sich hingegen weniger intensiv in die Entstehung der neuen Stücke ein als sein direkter Vorgänger. Jens Borgren, den Kallio im letzten Gespräch mit ROCKS eine Art siebtes Bandmitglied genannt hatte, zeichnet etwa für die opulenten Orchester-Spuren und Chöre verantwortlich, die den letzten Platten ihren monumentalen Charakter geben.

»In gewisser Weise haben wir mit Jens so etwas wie eine Trilogie gemacht. Auf Under The Red Cloud befanden wir uns noch in der Kennlernphase, aber bei Queen Of Time hat er wirklich alles reingehauen. Bei Halo hat er dann schon nach einem anderen Ansatz gesucht, um die Musik lebendig zu gestalten. Deshalb war es für uns eine natürliche Entscheidung, den Produzenten zu wechseln, um unsere Musik weiterhin frisch zu halten. Und Jens teilt diese Ansicht.«

»Jacob hat eine ganz andere Herangehensweise, wie wir bei den Aufnahmen herausgefunden haben«, ergänzt Gitarrist Esa Holopainen. »Wir dachten zunächst, dass er einen ähnlichen Einfluss auf die Songs nehmen würde wie Jens, aber er beschränkt sich viel mehr auf das Technische und die Detailarbeit. Die Lieder haben sich im Vergleich zu den ursprünglichen Demos daher kaum verändert. Das hat etwas Gutes, denn so ist es ein echtes Band-Album geworden, ohne große Studio- und Produktionstricks. Jacob hat uns angehalten, jene Dinge so perfekt wie möglich zu machen, die wir sowieso schon tun.«



Auf diese Weise entsteht in Borderland ein vergleichsweise geradliniges und griffiges Werk — auch, weil alle komponierenden Bandmitglieder ohne vorherige Absprache ebensolche Ideen in die Entstehung mit einbringen. Höhepunkt ist in dieser Hinsicht ›Dancing Shadow‹, das in der Demophase den Arbeitstitel ›Disco Tiger‹ verpasst bekam. »Wir produzieren unsere Songideen separat und laden sie in unseren Google-Drive-Ordner. Dort geben wir ihnen Namen, die ein wenig das Gefühl des Songs beschreiben«, erzählt der Gitarrist lachend. »In der Nummer ist ein Disco-Beat verbaut, also hielt ich das für passend. Und am Ende ist ja der finale Titel ›Dancing Shadow‹ nicht unfassbar weit davon entfernt. Ich glaube auch, dass die Nummer der Platte guttut: Sie ist immer noch unverkennbar von Amorphis, aber vermittelt eine gewisse Fröhlichkeit. Es muss bei uns nicht alles depressiv sein!«

Alles neu also bei den finnischen Melancholie-Experten? Nicht ganz. Auch wenn die Songs von Borderland entschlackt daherkommen und abermals an Eingängigkeit gewonnen haben, sollte niemand ein Gute-Laune-Werk voller Tanzflächenfüller erwarten. Inhaltlich beschäftigen sich die Stücke mit der Verbindung der realen mit der spirituellen Welt respektive jener von Gegenwart und Vergangenheit; wie gewohnt stammen die vom finnischen National-Epos Kalevala inspirierten Texte vom Dichter Pekka Kainulainen. Plakativ dargestellt wird dies etwa auf dem Cover, das nicht wie zuletzt abstrakte geometrische Formen zeigt, sondern den Schwan auf dem Fluss von Tuonela — dem Totenreich der finnischen Sagenwelt.



Und auch musikalisch arbeiten Amorphis weiterhin mit etablierten Elementen. Den mit Delay-Effekten versehenen Gitarren etwa, die gleich die ersten Takte des Openers ›The Circle‹ beherrschen; auch auf Streicher-Pathos verzichten sie, am prominentesten im brachialen ›Bones‹, nicht gänzlich. Und natürlich auch nicht auf die unverkennbaren melancholischen wie einprägsamen Gesangsmelodien, die in bewährter Manier Sänger Tomi Joutsen einbringt. Von einer neuen Ära will der 51-jährige Kallio daher bei allen offensichtlichen Neuerungen noch nicht sprechen.

»Das ist gerade noch schwierig zu sagen, weil wir bisher nur Rückmeldung vom Label und einigen Geschäftskontakten bekommen haben. Ich bin gespannt, was die Fans sagen. Möglich ist das aber. Rückblickend kann man unsere Geschichte ja ziemlich gut in Zeitabschnitte einteilen: Auf unsere ersten beiden Alben folgte die Phase mit unserem damaligen Sänger Pasi Koskinen und danach haben wir uns selbst produziert, bevor wir wieder auf externe Studioleute zu setzen begannen. In jedem Fall fühlt sich Borderland ausgesprochen frisch an.«



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