Wer die Comeback-Shows von Savatage im vergangenen Jahr miterlebt hat, wird auch heute noch bei der bloßen Erinnerung an die schlicht sagenhaften Konzerte in glückselig-verzücktes Glucksen ausbrechen. Den Nachschlag wird es in den kommenden Wochen mit weiteren Auftritten geben, bei denen die Band hoffentlich noch mehr Feuer fangen wird — was würden wir nicht für ein neues Studio-Album geben, an dem kompositorisch wohl schon sehr lange gearbeitet wird, dessen Fertigstellung aber niemand vorherzusagen wagt: Schwerwiegende gesundheitliche Komplikationen von Jon Oliva und der Tod seines so wichtigen Kreativpartners Paul O’Neill vor bald zehn Jahren fordern ihren Tribut.
Und doch gibt es nun eine erste neue Veröffentlichung dieser einmaligen Band aus Florida, die seit den frühen achtziger Jahren die wunderbarsten Metal-Blüten treibt. Auch davon war zuletzt immer wieder die Rede: In den Sava-Archiven schlummern Konzertmitschnitte verschiedener Karrierephasen, die restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. In der Pipeline etwa ist der seinerzeit in der brutalst überfüllten Kölner Live Music Hall im Zuge der Gastspielreise zu Wake Of Magellan festgehaltene Abend, der vom Musik-Sender VIVA lediglich auszugsweise ausgestrahlt wurde. Während sich Savatage 1997 und vier Jahre nach dem Unfalltod ihres Original-Gitarristen Criss Oliva auf dem Zenit ihrer Popularität (womöglich bereits einen Schritt darüber hinaus) befanden, wirft dieses in der Veröffentlichung nun vorgezogene Dokument einen unmittelbaren Blick auf die Zeit, als es gerade richtig losging mit den Brüdern Jon und Criss — und sich ihre Musik auf ihrem vierten Album ein gutes Stück aufzufächern begann. Hall Of The Mountain King gilt als Wiedergeburt von Savatage; die erste Kooperation mit Paul O’Neill holte sie aus einer schweren existenziellen Krise.
Der Vorstoß auf den immerhin 116. Platz der amerikanischen Billboard Charts brachte Selbstvertrauen zurück, das sich auf dem darauffolgenden Gutter Ballet frei entfaltete: O’Neill hatte Jon Oliva zu einer Broadway-Aufführung von Das Phantom der Oper mitgenommen, die den Klavier spielenden Sänger dermaßen überwältigte, dass er damit begann, seine eigene Musik mit der bombastfreudigen Kunst von Andrew Lloyd Webber und auch mit Queen zu vernetzen. Im wunderbaren Titelstück und auch in dem Piano-Drama ›When The Crowds Are Gone‹ ist dies besonders offensichtlich: Beide stammen aus einem erdachten Rock-Oper-Konzept, das die Geschichte eines Rockstars erzählt, der aufgrund seiner Alkohol- und Drogenexzesse den Absturz in die Gosse erlebt. Auf Streets – A Rock Opera sollten Savatage diese Geschichte 1991 mit einigen Parallelen auf Albumlänge weitererzählen. Es gibt noch einen weiteren Erzählstrang auf Gutter Ballet, der sich über die letzten drei Stücke der bockstarken Platte erstreckt: ›Mentally Yours‹, ›Summer’s Rain‹ und ›Thorazine Shuffle‹ erzählen die Geschichte vom Leben des Jungen Timmy, der eine schwierige Kindheit voller Konflikte zwischen seinen Eltern erlebt, mit seiner Freundin von daheim ausreißt und schließlich von solch heftigen Wahnepisoden heimgesucht wird, dass er in der Psychiatrie landet.
Auch in ihrer Heimat blieben Savatage mit ihrer eigenen, sehr anspruchsvollen Note eine positiv beäugte Band des Heavy Metal. Und doch begann sich eine Diskrepanz zu Europa aufzubauen, die sich fortsetzen und bis heute Bestand haben sollte: Während das am 1. Dezember 1989 erschienene Gutter Ballet in den USA zumindest den 124. Platz der LP-Hitparade einnahm, stieg die Platte in Deutschland im Frühjahr auf Rang 47 — einen Platz schlechter als Tears For Fears (The Seeds Of Love), dafür aber sieben respektive acht Positionen besser als Running Wild (Death Or Glory) oder Chroming Rose (Louis XIV).
Madness Reigns From The Gutter entstand ein gutes halbes Jahr später. Die Größe und die Kraft der Musik und ihrer Darbietung, abermals mit Chris Caffery als Tour-Verstärkung an der zweiten Gitarre, will sich nur schwer mit der Realität der nicht ganz 1.000 Konzertgänger in Einklang bringen lassen, die sich am 29. Juni 1990 im Palace von Los Angeles einfanden und eine atemberaubende Show erlebten, die mit Ausnahme von ›The Unholy‹ und dem Instrumental ›Silk And Steel‹ Gutter Ballet in Gänze und sechs heiße Nummern von Hall Of The Mountain King sowie ältere Gassenhauer auf die Bretter brachte. ›White Witch‹ direkt nach ›City Beneath The Surface‹ an zweiter Stelle vor ›Of Rage And War‹, ›She’s In Love‹ und etwas später ›Strange Wings‹ — welch herrlich intensiver Wahnsinn, der niemanden unberührt lassen wird, den Heavy Metal ein bisschen durchs Leben begleitet hat.
Lediglich die Aufnahme von ›Gutter Ballet‹ erschien fünf Jahre später auf Ghost In The Ruins: A Tribute To Criss Oliva, der Rest ist offiziell und in dieser Klangpracht nun zum ersten Mal in ganzer Länge zu genießen. Erhältlich ist Madness Reigns From The Gutter als Doppel-CD oder Dreifach-LP. Fein sind auch die Begleittexte, in denen sich einiges zu Criss Olivas Gitarrenmodellen erfahren lässt.
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